Die Roggenmuhme
1916Das Mägdlein spielt auf dem grünen Rain, die bunten Blumen locken. “Nicht sieht mich die Mutter” - Ins Korn hinein schleicht sacht es auf weichen Socken.
“Die roten und blauen Blumen wie schön! Die will ich zum Kranz mir winden; doch weiter hinein ins Feld muß ich gehn, dort werd′ ich die schönsten finden.”
Und weiter eilt es. Gefüllt ist die Hand, da will es zurück sich wenden. Es läuft und läuft und steht wie gebannt, das Korn will nimmer enden.
“Hinaus zum Rain, zum Sonnenlicht! Wo blieb die Mutter, die süße?” Die Halme schlagen ihm ins Gesicht, die Winde umschlingt die Fübe.
Und horch, da rauscht′s unheimlich bang, die Ähren wallen und wogen. “Da kommt - ach, daß ich der Mutter entsprang - die Roggenmuhme gezogen!”
Sie kommt heran auf Windesfahrt, die roten Augen blitzen, gelb ist die Wange, langstachlicht ihr Bart, die Haare sind Ährenspitzen.
“Wie kommst du her in mein Revier und gehst auf verbotenen Pfaden? Was raubst du meine Kinder mir, Kornblumen und Mohn und Raden?
Weh dir!” Sie streckt die Hand nach ihm aus, es fühlt die stechenden Grannen. “Nimm hin deine Blumen, und laß mich nach Haus!” Und bebend stürzt es von dannen.
Fort, fort zur Mutter! Das Korn nimmt kein End′, vergebens will es entwischen, die Roggenmuhme dicht hinter ihm rennt, die Ähren höhnen und zischen. Schon fühlt es, wie ihr Arm es umschlingt. “Erbarme dich mein, erbarme!” Dort ist der Rain. “O Mutter!” - Da sinkt das Kind ihr tot in die Arme.
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Interpretation
Das Gedicht "Die Roggenmuhme" von Jakob Loewenberg erzählt die Geschichte eines Mädchens, das auf der Suche nach schönen Blumen ins Kornfeld läuft und sich dort verirrt. Die anfängliche Neugier und Freude des Mädchens wandeln sich in Angst und Panik, als es sich im hohen Getreide verliert und von der Roggenmuhme, einer furchterregenden Gestalt, verfolgt wird. Die Roggenmuhme symbolisiert die Gefahren und Unberechenbarkeiten der Natur sowie die Konsequenzen, die das Überschreiten von Grenzen haben kann. Das Kornfeld, das anfangs einladend und voller Versprechungen erscheint, verwandelt sich in einen bedrohlichen und verwirrenden Ort, der das Mädchen gefangen hält und von der sicheren Außenwelt abschneidet. Die Begegnung mit der Roggenmuhme kulminiert in einem dramatischen Höhepunkt, bei dem das Mädchen um sein Leben fürchtet und verzweifelt versucht, zu seiner Mutter zurückzukehren. Die letzte Szene, in der das Kind tot in den Armen der Mutter zusammenbricht, verdeutlicht die tragischen Folgen der Neugier und des Überschreitens von Grenzen. Das Gedicht warnt vor den Gefahren, die in der unbekannten und ungezähmten Natur lauern, und betont die Bedeutung von Vorsicht und Respekt vor den Kräften, die jenseits der menschlichen Kontrolle liegen.
Schlüsselwörter
Wortwolke

Stilmittel
- Alliteration
- schleicht sacht es auf weichen Socken
- Anapher
- Es läuft und läuft und steht wie gebannt
- Metapher
- Die Roggenmuhme
- Personifikation
- die Ähren höhnen und zischen
- Vergleich
- steht wie gebannt
- Wiederholung
- Fort, fort zur Mutter!