Die Rede des Dichters vom Berge

Gerrit Engelke

1890

Ich bin das Sprachrohr und die Lärmtrompete, Der brunstgequälte Künder aller Dinge: Von Mensch- und Muschelkeim bis Nacht und Lethe, Vom Kabelschacht bis hoch zur Vogelschwinge. Ich bin ein Greis und bin ein Kind, Der Zukunft ahnungvoller Seher - Und doch im Allesrausche blind, Bin Priester und bin Leierdreher. Ich stapfe hoch im Gipfelfirn Und will die Welt in Worte zwingen - Muß wieder beugen meine Stirn Und muß im Hof zur Orgel singen. Ich bin verstählter Mann wie weiches Weib: Im Gattungsrausch ich zeuge und gebäre, Und Weibesbrüste sind an meinem Leib, Aus denen ich mit Blut euch nähre: So steh ich Redner hier auf diesem Berge (Mir ist, daß mich jetzt Sonnen selber küßten) Und sehe dich, du starrig Volk, wie Zwerge: Ich presse Hirn als Blut aus meinen Brüsten, Es sickert rot in Euer Häusertal, Ich locke gell: Nun trinkt! Nun trinkt Von meinem Blut, von meiner Lust und Qual! Vom schweren Sang, den ich euch schuf, Der wie ein “Feuer!-Feuer!-Ruf” Verworrn durch eure Gassen hinkt. Doch ob ihr wollet oder nicht: Ich presse Blut aus meinen Brüsten Für jedes Weib, für jeden Wicht, Für alle Winde über Küsten. Ob ihr dem Sänger Mark und Pfennig spendet, Ob manchmal hört ein offnes Ohr, Ob ihr euch ängstlich von dem Narren wendet: Ich schüttle ächtlich meine Feuerlocken Und winke Wolken, daß sie um mich hocken Und schrei euch Weltensingsang vor Und schlage meine Leier.

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Illustration zu Die Rede des Dichters vom Berge

Interpretation

Das Gedicht "Die Rede des Dichters vom Berge" von Gerrit Engelke thematisiert die Rolle des Dichters als Vermittler zwischen der Welt und dem Menschen. Der Dichter sieht sich selbst als "Sprachrohr" und "Lärmtrompete", der die Vielfalt des Lebens in Worte fassen will, von den kleinsten Dingen bis hin zum Kosmischen. Er ist zugleich alt und jung, weise und naiv, Priester und Musiker, der die Welt in ihrer Gesamtheit erfassen und vermitteln möchte. Die Ambivalenz des Dichterberufs wird in dem Gedicht deutlich. Einerseits strebt der Dichter nach Höherem, will "hoch im Gipfelfirn" die Welt in Worte fassen. Andererseits ist er gezwungen, sich den Anforderungen der Gesellschaft zu beugen und "im Hof zur Orgel" zu singen. Er ist zugleich Mann und Frau, Zeuger und Gebärerin, der seine "Blut" genannten Werke dem Volk darbietet. Dieses zeigt sich jedoch oft als "starrig" und "Zwerge", es hört nicht richtig zu oder wendet sich gar ab. Der Dichter bleibt trotz aller Widrigkeiten seiner Berufung treu. Er "schüttelt ächtlich seine Feuerlocken", umwirbt die Wolken und schreit den "Weltensingsang" hinaus. Er schlägt seine Leier, um seine Botschaft zu verkünden, auch wenn sie oft ungehört verhallt. Das Gedicht zeichnet ein eindringliches Bild vom Dichter als einer zwiespältigen Figur, die zwischen den Sphären wandelt und ihre Gabe oft nicht angemessen gewürdigt sieht.

Schlüsselwörter

blut hoch muß weib presse brüsten trinkt feuer

Wortwolke

Wortwolke zu Die Rede des Dichters vom Berge

Stilmittel

Alliteration
Feuer!-Feuer!-Ruf
Anapher
Nun trinkt! Nun trinkt
Gleichnis
Ich bin ein Greis und bin ein Kind
Hyperbel
Mir ist, daß mich jetzt Sonnen selber küßten
Kontrast
Ich bin verstählter Mann wie weiches Weib
Metapher
Und winke Wolken, daß sie um mich hocken
Personifikation
Die Zukunft ahnungsvoller Seher
Symbolik
Vom Kabelschacht bis hoch zur Vogelschwinge