Die Pythia
1866Von des Mummius loher Fackel war zu Staub Korinth geworden, Und der Freiheit altes Bollwerk lag gestürzt durch Römerhorden; Aber noch bekämpften Hellas′ Stämme sich in ew′gem Hadern, Tränkten noch den Mutterboden mit dem Blut der eignen Adern.
Und im Tempel Delphis standen die Gesandten der Entzweiten, Um Apollos Spruch zu hören, eh sie ihren Kampf erneuten; Auf dem Dreifuß ruht die Pythia, vor dem Gott dahingesunken, Und ihr Haupt erhebt sich mählich, von dem Geist der Zukunft trunken.
Da ertönen Donnerschläge, daß die Tempelmauern zittern, Lodernd zuckt ein Blitzstrahl nieder, schlägt das Säulendach zu Splittern, Und die Seherin, verzweifelnd, stürzt vom Sitze: »Weh, Hellenen! Unter euch wie einen Abgrund seh′ ich die Vernichtung gähnen!
Alle, die ihr euch befehdet im jahrhundertlangen Kampfe, Hör′ ich untergehend ächzen in demselben Todeskrampfe; Aus der Erde selbst erschallen dumpf ans Ohr mir Klagetöne, Gleich dem Jammerruf der Muttter an den Leichen ihrer Söhne.
Zahllos wie die Wogen, wenn den Isthmus stürmen beide Meere, Wälzen durch die Bergesschluchten sich heran die Scythenheere; Und ihr Atem ist Zerstörung; auf dem Lauf, dem sturmgetragnen, Leuchten ihnen loh′nde Städte über Haufen der Erschlagnen.
Raubgevögel, leichenwitternd, folgt dem Zuge der Barbaren; An der Rosse Schweife binden sie die Jungfrau mit den Haaren; An das Haus Kronions selber legen sie verruchte Hände, Schleudern auf das Haus des Gottes lachend ihre Feuerbrände.
Haltet ein, Vermess′ne! Seht ihr nicht den Donnrer auf den Zinnen Mit dem Blitzstrahl in der Rechten, dem die Frevler nicht entrinnen? Nein, umsonst! Die Götter starben, und der Tempel sinkt zu Trümmern; Nur zermalmte Marmorbilder hör′ ich aus dem Schutte wimmern.
Nicht ein Stein bleibt auf dem Steine; hingeschmettert von den Keulen Stürzen auf die letzten Griechen ihrer letzten Tempel Säulen; Und aus Rennbahn und Theater mit verlöschendem Geflacker Wirft die Flamme blassen Schimmer auf den großen Totenacker.
Stolzes Volk, einst Weltgebieter! Dich mit allen deinen Stämmen Wird die Sturmflut der Vernichtung weg vom Erdenboden schwemmen; Selbst dein Name wird verschwinden, nur auf Gräbern wird man lesen Und in deiner Geister Werken, daß ein Hellas je gewesen!«
So die Pythia; zu dem Gotte, dem gestürzten, sinkt sie nieder; Wehe! hallt′s von hundert Lippen, weh! aus Delphis Grotten wieder, Während schon des Pindus Schluchten von der Wilden Lanzen starren, Und der Scythenrosse Hufe an dem Thor von Hellas scharren.
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Interpretation
Das Gedicht "Die Pythia" von Adolf Friedrich Graf von Schack thematisiert den Untergang des antiken Griechenlands und die damit verbundene kulturelle und politische Desintegration. Die Pythia, die Priesterin des Apollon-Tempels in Delphi, prophezeit in einer tranceartigen Vision das tragische Schicksal der griechischen Stadtstaaten. Sie sieht, wie die einst stolzen Hellenen durch innere Zwistigkeiten und äußere Bedrohungen, insbesondere durch die anrückenden Skythen, vernichtet werden. Die Vision der Pythia ist geprägt von apokalyptischen Bildern, die den Zusammenbruch der griechischen Zivilisation und die Zerstörung ihrer heiligen Stätten vorhersagen. Die Interpretation des Gedichts offenbart eine tiefe Melancholie und einen kritischen Blick auf die griechische Geschichte. Schack nutzt die Figur der Pythia, um die Selbstzerstörungskräfte innerhalb der griechischen Gesellschaft anzuprangern. Die ständigen inneren Kämpfe und der Mangel an Einigkeit haben die Griechen verwundbar gemacht für äußere Feinde. Die Prophezeiung der Pythia dient als Warnung vor den Konsequenzen von Uneinigkeit und Selbstzerstörung. Abschließend lässt sich sagen, dass das Gedicht eine eindringliche Warnung vor den Gefahren von inneren Konflikten und dem Verlust kultureller Identität darstellt. Die Vision der Pythia ist nicht nur eine Vorhersage des Untergangs, sondern auch eine Reflexion über die Vergänglichkeit menschlicher Größe und den unausweichlichen Lauf der Geschichte. Schack nutzt die antike Mythologie, um zeitlose menschliche Schwächen und die tragische Schönheit des Untergangs zu thematisieren.
Schlüsselwörter
Wortwolke

Stilmittel
- Alliteration
- Da ertönen Donnerschläge, daß die Tempelmauern zittern
- Hyperbel
- Und ihr Haupt erhebt sich mählich, von dem Geist der Zukunft trunken
- Metapher
- Und der Scythenrosse Hufe an dem Thor von Hellas scharren
- Personifikation
- Und der Freiheit altes Bollwerk lag gestürzt durch Römerhorden
- Vergleich
- Zahllos wie die Wogen, wenn den Isthmus stürmen beide Meere