Die Puppe
1949Liebe Puppe, wohlfrisierte kleine Puppe, wie hast du es leicht! Du wendest das Köpfchen nach rechts und nach links, du lächelst, du schmollst, du weinst, du lächelst, und wenn man dich aufzieht am Knopf des Gefühlchens, des einzigen kleinen dir eignen Gefühlchens: Der Liebe zu dir, zu dir, kleine Puppe, so tänzelst du zierlich und neigst dich dankend dem Schwarm deiner Freunde und äugst unter seidnen gebogenen Wimpern, ob du ihn nicht siehst, den schmerzlich ersehnten, ergebenen Diener, der an dem Knöpfchen des einen Gefühlchens dich liebevoll aufzieht bis an dein Ende, dein Puppenende… Wir aber, entartet und vielfach geschmäht, wir andern, wir Ernsten, wir Dunklen, wir Schweren, wir Trägerinnen geheimen Wissens, wir Deuterinnen uralter Runen, wir keuchen und brechen fast unter der Last des gnädigen Schicksals, das sie uns gab, unsre sehende Seele, von der du nichts weißt. - O liebe Puppe, wohlfrisierte kleine Puppe, wie hast du es leicht!
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Interpretation
Das Gedicht "Die Puppe" von Margarete Beutler handelt von der kontrastreichen Gegenüberstellung zwischen der scheinbaren Leichtigkeit und Unbeschwertheit einer Puppe und der komplexen, belastenden Existenz der Menschen. Die Puppe wird als Symbol für ein einfaches, mechanisches Leben dargestellt, das nur auf äußere Reize reagiert, ohne eigene Tiefe oder Bewusstsein zu besitzen. Die Puppe wird als wohlfrisierte, kleine Figur beschrieben, die nach rechts und links wendet, lächelt, schmollte und weint, aber nur auf Knopfdruck. Sie hat nur ein einziges Gefühl, die Liebe zu sich selbst, und tanzt und neigt sich dankend den Bewunderern zu. Doch sie sieht den treuen Diener, der sie liebevoll aufzieht, nicht. Die Puppe lebt in einer oberflächlichen, mechanischen Welt, ohne die tieferen Zusammenhänge des Lebens zu erkennen oder zu begreifen. Im Gegensatz dazu werden die Menschen als "entartet", "vielfach geschmäht", "ernst", "dunkel" und "schwer" beschrieben. Sie tragen ein "geheimes Wissen" und deuten "uralte Runen". Die Menschen keuchen und brechen fast unter der Last des "gnädigen Schicksals", das ihnen eine "sehende Seele" gab. Die Menschen sind mit der Fähigkeit ausgestattet, die Welt bewusst wahrzunehmen und zu reflektieren, was jedoch auch eine große Verantwortung und Belastung mit sich bringt. Die Puppe hingegen bleibt ahnungslos und unwissend in ihrer begrenzten Existenz gefangen.
Schlüsselwörter
Wortwolke

Stilmittel
- Anapher
- Liebe Puppe, wohlfrisierte kleine Puppe
- Hyperbel
- von der du nichts weißt
- Ironie
- wie hast du es leicht
- Kontrast
- Wir aber, entartet und vielfach geschmäht, wir andern, wir Ernsten
- Metapher
- am Knopf des Gefühlchens
- Personifikation
- du lächelst, du schmollst, du weinst, du lächelst