Die Probe
1871Zu einem seltsamen Versuch erstand ich mir ein Nadelbuch.
Und zu dem Buch ein altes zwar, doch äußerst kühnes Dromedar.
Ein Reicher auch daneben stand, zween Säcke Gold in jeder Hand.
Der Reiche ging alsdann herfür und klopfte an die Himmelstür.
Drauf Petrus sprach: “Geschrieben steht, daß ein Kamel weit eher geht
durchs Nadelöhr als du, du Heid, durch diese Türe groß und breit!”
Ich, glaubend fest an Gottes Wort, ermunterte das Tier sofort,
ihm zeigend hinterm Nadelöhr ein Zuckerhörnchen als Douceur.
Und in der Tat! Das Vieh ging durch, obzwar sich quetschend wie ein Lurch!
Der Reiche aber sah ganz stier und sagte nichts als: “Wehe mir!”
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Interpretation
Das Gedicht "Die Probe" von Christian Morgenstern beschreibt eine humorvolle und zugleich tiefsinnige Szene. Ein Reicher steht vor der Himmelspforte und wird von Petrus mit den Worten empfangen, dass ein Kamel leichter durch ein Nadelöhr passt als er durch die Himmelstür. Dies ist eine Anspielung auf die biblische Aussage über die Schwierigkeit, dass ein Reicher in das Reich Gottes gelangt. Der Erzähler, der an Gottes Wort glaubt, versucht daraufhin, mit einem Dromedar und einem Nadelbuch die These zu überprüfen. Er lockt das Tier mit einem Zuckerhörnchen durch das Nadelöhr, was ihm tatsächlich gelingt, wenn auch mit großer Anstrengung. Die Interpretation des Gedichts liegt in der Ironie und der Kritik an der menschlichen Natur und den gesellschaftlichen Werten. Morgenstern nutzt die biblische Metapher, um die Absurdität und die Unmöglichkeit zu verdeutlichen, dass Reichtum und materieller Besitz den Weg zu spirituellen oder göttlichen Zielen ebnen können. Der Reiche, der vor der Himmelspforte steht, symbolisiert diejenigen, die glauben, dass ihr Reichtum ihnen einen Vorteil im Jenseits verschaffen könnte. Die erfolgreiche Durchführung des Experiments mit dem Dromedar zeigt, dass selbst das scheinbar Unmögliche unter bestimmten Bedingungen möglich ist, aber der Reiche bleibt außen vor, was die Unabänderlichkeit der moralischen Botschaft unterstreicht. Die humorvolle Darstellung und die absurde Situation dienen dazu, den Leser zum Nachdenken über die wahren Werte im Leben anzuregen. Morgenstern kritisiert die Gier und den Materialismus, die oft als erstrebenswert angesehen werden, und stellt die Frage nach dem, was wirklich zählt. Das Gedicht lädt dazu ein, über die eigenen Prioritäten und die Bedeutung von Reichtum im Verhältnis zu spirituellen oder ethischen Werten nachzudenken.
Schlüsselwörter
Wortwolke

Stilmittel
- Anspielung
- daß ein Kamel weit eher geht / durchs Nadelöhr als du, du Heid
- Hyperbel
- zween Säcke Gold in jeder Hand.
- Ironie
- Der Reiche aber sah ganz stier / und sagte nichts als: 'Wehe mir!'
- Metapher
- Zu einem seltsamen Versuch / erstand ich mir ein Nadelbuch.
- Personifikation
- Zu dem Buch ein altes zwar, / doch äußerst kühnes Dromedar.
- Symbolik
- ein Zuckerhörnchen als Douceur
- Vergleich
- obzwar sich quetschend wie ein Lurch