Die poetische Lizenz
1813Es tanzt ein Mann auf einem Seil Mit der Lizenz, den Hals zu brechen, Doch der Poet an seinem Teil Muß mir nicht von Lizenzen sprechen; Je schwerer, was er vor sich sieht, Je leichter muß er es vollbringen, Ein schlechter Reim passiert im Lied, Doch das Sonett muß rein erklingen: Es könnt′ ihn ja ein Schüler dort Vermeiden, warum mit ihm rechten? Allein den Meister braucht′s, das Wort Vierfach und dreifach zu verflechten. Nicht, daß ihm dies und das gelang, Wird der Gebildete ihm danken, Nur, daß sein Geist zur Höhe drang, Wo man nicht kämpft, nur spielt mit Schranken; Nur, daß er ihm die ganze Kunst, Und wär′s im kleinsten Bilde, zeigte, Der Musen wunderbare Gunst, Der auch das Sprödeste sich neigte. Drum geb′ ich denn mit Goethe nicht Für den Gedanken alle Reime, Ich fordre beides vom Gedicht, Denn beides wächst aus einem Keime.
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Interpretation
Das Gedicht "Die poetische Lizenz" von Friedrich Hebbel handelt von der Verantwortung und der Meisterschaft des Dichters. Es vergleicht den Dichter mit einem Seiltänzer, der die Lizenz hat, den Hals zu brechen, aber nicht über seine eigenen Lizenzen sprechen darf. Der Dichter muss seine Aufgabe meistern, je schwerer sie auch sein mag, und dabei eine gewisse Leichtigkeit bewahren. Schlechte Reime mögen in einem Lied vorkommen, aber ein Sonett muss rein und fehlerfrei erklingen. Das Gedicht betont die Bedeutung von Meisterschaft und Können. Es geht nicht nur darum, einzelne Dinge zu erreichen, sondern darum, den Geist zur Höhe zu treiben, wo man nicht kämpft, sondern spielerisch mit den Grenzen umgeht. Der Dichter soll die gesamte Kunst zeigen, selbst im kleinsten Bild, und die Gunst der Musen erfahren, die selbst das Widerstrebendste für sich gewinnen kann. Das Gedicht schließt mit der Forderung, sowohl Gedanken als auch Reime im Gedicht zu vereinen. Der Dichter soll beides aus einem Keim wachsen lassen, was auf die organische und untrennbare Verbindung von Inhalt und Form hinweist. Es ist ein Plädoyer für die Vollkommenheit und die Einheit von Gedanken und Sprache in der Dichtkunst.
Schlüsselwörter
Wortwolke

Stilmittel
- Allusion
- Drum geb′ ich denn mit Goethe nicht / Für den Gedanken alle Reime
- Bildlichkeit
- Nur, daß sein Geist zur Höhe drang, / Wo man nicht kämpft, nur spielt mit Schranken
- Hyperbel
- Ein schlechter Reim passiert im Lied, / Doch das Sonett muß rein erklingen
- Kontrast
- Je schwerer, was er vor sich sieht, / Je leichter muß er es vollbringen
- Metapher
- Der Musen wunderbare Gunst, / Der auch das Sprödeste sich neigte
- Parallelismus
- Nicht, daß ihm dies und das gelang, / Wird der Gebildete ihm danken
- Rhetorische Frage
- Allein den Meister braucht′s, das Wort / Vierfach und dreifach zu verflechten