Die Poesie und ihre Störer

Nikolaus Lenau

1838

Im tiefen Walde ging die Poesie Die Pfade heilger Abgeschiedenheit, Da bricht ein lauter Schwarm herein und schreit Der Selbstversunknen zu: “Was suchst du hie? Laß doch die Blumen blühn, die Bäume rauschen, Und schwärme nicht unpraktisch weiche Klage, Denn mannhaftwehrhaft sind nunmehr die Tage, Du wirst dem Wald kein wirksam Lied entlauschen. Komm, komm mit uns, verding uns deine Kräfte; Wir wollen reich dir jeden Schritt bezahlen Mit blankgemünztem Lobe in Journalen, Heb dich zum weltbeglückenden Geschäfte! - Laß nicht dein Herz in Einsamkeit versumpfen, Erwach aus Träumen, werde sozial, Weih dich dem Tatendrange zum Gemahl; Zur alten Jungfer wirst du sonst verschrumpfen!” Die Poesie dem Schwarm antwortend spricht: “Laßt mich! verdächtig ist mir euer Streben; Befreien wollt ihr das gejochte Leben Und gönnt sogar der Kunst die Freiheit nicht? Euch sank zu tief ins Aug die Nebelkappe, Wenn euer Blick nicht straßenüber sieht, Und wenn ihr heischt vom freigebornen Lied, Daß es dienstbar nur eure Gleise tappe. Ein Blumenantlitz hat noch nie gelogen, Und sichrer blüht es mir ins Herz die Kunde, Daß heilen wird der Menschheit tiefe Wunde, Als euer wirres Antlitz, wutverzogen. Prophetisch rauscht der Wald: die Welt wird frei! Er rauscht es lauter mir als eure Blätter, Mit all dem seelenlosen Wortgeschmetter, Mit all der matten Eisenfresserei. Wenn mirs beliebt, werd ich hier Blumen pflücken; Wenn mirs beliebt, werd ich von Freiheit singen; Doch nimmermehr laß ich von euch mich dingen!” Sie sprichts und kehrt dem rohen Schwarm den Rücken.

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Illustration zu Die Poesie und ihre Störer

Interpretation

Das Gedicht "Die Poesie und ihre Störer" von Nikolaus Lenau handelt von der Begegnung der Poesie mit einem lauten Schwarm, der ihr ihre Unpraktikabilität vorwirft und sie dazu auffordert, sich dem gesellschaftlichen Geschäft zu widmen. Die Poesie weist diese Forderung jedoch zurück und betont ihre Freiheit und Unabhängigkeit. Sie lehnt es ab, sich von dem Schwarm beeinflussen oder kontrollieren zu lassen und bleibt ihrem eigenen Weg treu. Die Poesie sieht in der Natur, insbesondere im Wald, einen Ort der Inspiration und Heilung. Sie glaubt, dass die Blumen und der Wald eine wahrere und tiefere Botschaft vermitteln als die lauten und seelenlosen Worte des Schwarmes. Die Poesie betont die Bedeutung der Individualität und des freien Ausdrucks und lehnt die Idee ab, dass Kunst und Poesie einem bestimmten Zweck oder einer bestimmten Agenda dienen sollten. Das Gedicht verdeutlicht den Konflikt zwischen der Poesie als Ausdruck der inneren Gefühle und der äußeren Welt, die von Pragmatismus und gesellschaftlichen Erwartungen geprägt ist. Die Poesie weigert sich, sich von den Forderungen des Schwarmes beeinflussen zu lassen und bleibt ihrer eigenen Vision und ihrem eigenen Weg treu. Sie betont die Bedeutung der Freiheit und des individuellen Ausdrucks und lehnt die Idee ab, dass Kunst und Poesie einem bestimmten Zweck dienen sollten.

Schlüsselwörter

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Stilmittel

Alliteration
Doch nimmermehr laß ich von euch mich dingen
Metapher
Sie sprichts und kehrt dem rohen Schwarm den Rücken
Personifikation
Im tiefen Walde ging die Poesie