Die Pest

Detlev von Liliencron

1844

In einer asiatischen Riesenstadt Bin ich auf meinen Reisen einst gewesen, Und während meines Aufenthaltes dort Schritt finster durch die Plätze, Höfe, Straßen Ein schwarzer Engel viele Wochen lang. Dem Urgrund eines breiten braunen Stromes Aus Schlamm und Schlick war hämisch er enttaucht, Und seine schweren Schwingen tropften Moder. Die Rechte hielt, wie ein gezogen Schwert, Wie Genien goldne Palmenzweige tragen, Ein giftig Kraut, das schlug er an die Pforten, Und tausend, abertausend winzige Käfer Entstoben dann dem giftigen Kraut und fielen Auf alle Menschen, alle übersäend, Und wem sie zierlich durch die Lippen krochen, Der mußte ohne Gnade in den Tod.

Ganz überraschend war die Pest gekommen. Daß ihr Kommerz ja nicht darunter litte, Verheimlichten die großen Handelsherren Die Ekelkrankheit in der ersten Zeit, Bis sie mit unerhörter Wut ausbrach. Und Vieles fehlte nun: Baracken, Ärzte, Schutzmittel. Alles starb wie hingemäht. Und drohend ballte sich die Hand der Armen, Um Schloß und Park der Reichen zu zerstören.

Gelähmt schien jedes Leben, jede Kraft; Nur nach wie vor, wie stets und überall, Klang Kinderspiel und Kinderjubelruf, O süßer Schall, durch Wehgekreisch und Schweigen.

An einem Abend ging ich durch die Gassen, Die unheimlich in warmem Nebel lagen. Die Ladenlichter blinzten durch die Feuchte, Die perlend am Laternenglase schwitzte. Gleichgiltig schob und drängte sich die Menge, Gleichgiltig hoben Augen sich und Ohr, Gewohnheit macht den Tod selbst zur Gewohnheit, Wenn uns vorbei die Siechenwagen jagten. Da schlug mir eine kleine Hand die Schulter, Ich sah mich um und seh ein Hindumädchen, Schlank, überschlank, fein, zart, mit hohen Brauen, Nein doch, ein Mädchen, das ich einst gekannt, Fern, ferne in Europa einst gekannt, Und das ich schmählich dort verlassen hatte. Sie schaut mich an und spricht ein Wort nur: Komm! Ich ihr dagegen: Hast du mir vergeben? Sie schaut mich an und spricht ein Wort nur: Komm! Und ich ging mit ihr durch den Völkerschwall. Wie sie nun vor mir hinschritt, blies ein Hauch Die Asche in mir auf zu neuen Funken, Zu Funken, deren Glut mich schier verbrannte. Wir traten in ein mächtiges Haus hinein, Das, schlecht erleuchtet, schmutzige Treppen zeigte. Dreihundert Menschen wohnten hier beisammen: Parias, Dirnen, Gott weiß, welch Gesindel Hier Unterkunft und Schlupf gefunden hatte.

Ein Zimmer, drin ein roter Ampelschein, Umfing uns traulich, gastlich und behaglich. Kannst du vergeben? Doch sie spricht nur: Komm! Ein Feuer brach, ists auf dem Hundsstern so? Aus unsern Herzen in einander über; Wir liebten uns in nie gefühlter Glut. Auf einmal welch Geräusch! Ich springe auf, Und aus dem Fenster seh ich Gräßliches: Leiche auf Leiche trägt man auf die Straße, Und zwischendurch, o Graun, Kranke auf Kranke. Die Fackeln schwirren, werfen zuckende Lichter Auf all dies Furchtbare: Nein sieh, nein sieh, Die Gugelmänner mit den Kappkapuzen, Sieh, nur die Augen siehst du, komm doch, sieh! Die Gugelmänner schleppen Leichen, Kranke, Schleppen und schleifen roh, bestialisch roh, Betrunken sind die Kutscher, Träger, Sprenger, Verzeihen wird wohl jeder ihnen gern, Auf ihre Wagen, ihre Karren unten Das ganze pestverseuchte Haus hinaus. Und ein Geschrei tobt wahnsinnig vom Flur, Von jeder Stufe, jeder Stube her. Die Mütter werfen wütend sich entgegen, Umsonst - Greis, Säugling, Mann, Weib, Braut und Jüngling Muß alles mit, ob tot, ob noch lebendig. Und vor Entsetzen sträubte sich mein Haar. Das Hindumädchen, das sich an mich lehnte, Umspannte meine Hüfte leicht und lachte: Wie, du bist ängstlich? Aber, Lieber doch…

So stand und stand ich bis zur Morgenfrühe Das Hindumädchen, lächelnd, war schon längst Auf unsern weichen Polstern eingeschlafen. Zuletzt noch rissen diese Höllenknechte Einen sich wehrenden, zappelnden Knaben Im Hemde, untern Arm gepreßt, ins Freie. Und dann, befremdlich war das anzuschaun, Unnennbar rührend nach den wüsten Gräueln: Zu allerletzt, geschmückt mit Blatt und Blumen, Erscheinen, feierlich und ungestört Von den paar Überlebenden begleitet, Drei Kindersärge, und verschwinden stumm. Als ich mich endlich in das Zimmer wandte, Lag nackt, ein schwarz und blau Gedörre, tot, Das Mädchen vor mir auf dem Liebeslager.

Am Abend dieses neuen Tages ging ich Hinaus zum Friedhof; es war Mitternacht. Da hört’ ich anrollen die Totenwagen, Befrachtet allesammt wie Kaufmannsfuhren, Die Leichen eingesackt in Zwilch wie Waaren. An einer Fuhre bricht ein Rad, wie Kolli Entkullerten die Leiber auf den Fahrdamm. Und durch einander liegt die volle Ladung: Die Frau Brahminin und die Bajadere, Der Reisgrossist, der Elephantenwäscher, Und aus der Leinwand springen Kopf und Bein Und krampfgekrümmte Hälse, Hände, Finger. Die Fackeln huschen wieder hin und her. Die Gugelmänner: Kutscher, Träger, Sprenger, Die Sprenger mit den großen Malerquasten, Sind alle heute noch besoffener. Und unter schauderhaften Scherzen fliegen In lange Gruben die Verröchelten. Da zerrten sie mein Mädchen auch hervor, Doch ihrer grausigen Faust entrang ich sie Und trug sie durch die Nacht in einen Hain, Wo still ich einen Scheiderhaufen aufwarf. Schon ringeln Rauch und Qualm in dicken Ballen, Schon leckt die Flamme aus dem trocknen Reisig Und schlingt und geilt und giert sich um den Leichnam, Und lischt, und nochmal zieht ein dicker Qualm Bis nur die heiße Asche übrig bleibt. Da kommt die Sonne, und ein scharfer Wind Nimmt jauchzend meines Mädchens weißen Staub Auf seine raschen, unentweihten Flügel. Und seit dem Tage war, seltsam Ereignis, War alle Krankheit aus der Gegend weg. Nahmst du sie mit, mein braunes Mädchen du, Warst du an jenen dunklen Schooß ein Opfer? Ein Opfer du, mein ungeborener Sohn, Du Sohn der Pest, den gestern wir gezeugt Im tollen Hundssternliebesbacchanal?

Des alten Ganges Wellen hör’ ich fluten; Mit frohen Wimpeln, ruhig, segeln wieder Hinauf, hinab den Fluß die Handelsschiffe, Und Freude, Dank und Frieden sind der Schluß.

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Illustration zu Die Pest

Interpretation

Das Gedicht "Die Pest" von Detlev von Liliencron beschreibt die Ausbreitung der Pest in einer asiatischen Stadt und die damit verbundenen menschlichen Tragödien. Der schwarze Engel symbolisiert die Pest und verbreitet sie durch ein giftiges Kraut, das Käfer freisetzt, die die Menschen befallen. Die Pest kommt überraschend und verbreitet sich schnell, da die Handelsherren sie zuerst verheimlichen. Es mangelt an medizinischer Versorgung und Schutzmaßnahmen, und die Menschen sterben wie gemäht. Die Armen drohen, die Güter der Reichen zu zerstören. Das Gedicht zeigt auch die Gleichgültigkeit der Menschen gegenüber dem Tod, der zur Gewohnheit wird. Trotz des Leids und des Todes erklingt immer noch Kinderspiel und Kinderjubel durch den Schmerz und das Schweigen. Der Erzähler trifft auf ein Mädchen, das er einst in Europa kannte und verlassen hatte. Sie führt ihn in ein Haus voller Parias, Dirnen und anderem Gesindel. Dort entfacht sich eine leidenschaftliche Liebe zwischen ihnen. Plötzlich wird der Erzähler durch ein Geräusch aufgeschreckt und sieht, wie Leichen und Kranke aus dem Haus getragen werden. Die Gugelmänner, die mit ihren Kapuzen nur die Augen zeigen, schleppen die Leichen und Kranke grob und bestialisch weg. Die Mütter werfen sich wütend dagegen, aber alle müssen mit, ob tot oder lebendig. Das Mädchen, das sich an den Erzähler lehnt, lacht über seine Angst. Bis zum Morgengrauen stehen sie zusammen, während das Mädchen auf den weichen Polstern einschläft. Zum Schluss werden noch drei Kindersärge feierlich und ungestört von den Überlebenden begleitet. Als der Erzähler sich umdreht, liegt das Mädchen tot auf dem Liebeslager. Am Abend geht er zum Friedhof, wo er sieht, wie die Totenwagen wie Kaufmannsfuhren beladen werden. Die Leichen sind in Zwilch wie Waren eingesackt.

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Stilmittel

Metapher
Die Freude, Dank und Frieden
Personifikation
Der Urgrund eines breiten braunen Stromes
Vergleich
Wie sie nun vor mir hinschritt