Die Odaliske
1867Es harrt auf weichem Purpursamt Die jüngste Sklavin ihres Herrn, Und unter dunkler Braue flammt Ihr Auge, wie ein irrer Stern.
Sie stammt aus jenem Lande nicht, Wo ehrbar-blond der Weizen reift, Und stachlicht-keusch die Gerste sticht, Wenn man sie noch so leise streift.
Sie ist der Feuerzone Kind, Wo jede Frucht von selber fällt, Weil sie der Baum, der zu geschwind Die zweite zeitigt, gar nicht hält.
Sie hat von dem Johannisstrauch Die karge Beere nie gepflückt, Die, ohne Kraft und ohne Hauch, Zur Abwehr gar den Dorn noch zückt.
Doch ward sie oft vom Wein bespritzt, Weit himmelan die Rebe drang Und dann, vom Sonnenstrahl zerschlitzt, Die Traube in der Luft zersprang.
Drum sitzt sie auch nicht seufzend da, Nun ihre eigne Stunde naht, Sie denkt der Rosen, fern und nah, Die sie schon selbst gebrochen hat.
Und sieh, der Pascha tritt herein, Zwar ernst und düster, doch nicht alt, Und vor ihm her den Becher Wein Trägt eines Mohren Nachtgestalt.
Er sieht das Mägdlein lange an, Mißt Zug für Zug, und nickt nur still, Zum goldnen Becher greift er dann Und fragt, ob sie nicht trinken will.
Ihr aber schwillt schon jetzt das Blut Bis an der Adern letzten Rand, Drum fürchtet sie des Weines Glut, Und stößt ihn weg mit ihrer Hand.
Nun weist er stumm den Mohren fort, Dem wild das Auge glüht vor Lust, Und setzt sich an den weichsten Ort Und küßt ihr langsam Mund und Brust.
Und plötzlich dringt ein jäher Schrei Von außen ihr ins bange Ohr; Sie ruft verstört, was das denn sei? Und er versetzt: es starb der Mohr!
Er trank den Wein, den ich dir bot, Und wird der Sünde nimmer froh, Denn beigemischt war ihm der Tod! - Ich prüfe jede Sklavin so!
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Interpretation
Das Gedicht "Die Odaliske" von Friedrich Hebbel beschreibt die Begegnung einer jungen Sklavin mit ihrem Herrn, dem Pascha. Die Odaliske, eine Frau aus einer anderen, exotischen Kultur, wartet auf ihren Herrn und wird von ihm begehrt. Sie stammt aus einer anderen Region, in der die Natur üppiger und die Früchte von selbst vom Baum fallen. Die Odaliske hat eine sinnliche Ausstrahlung und ist bereits mit Männern vertraut. Als der Pascha eintritt, bietet er der Odaliske Wein an, den ein Mohr zuvor getragen hat. Die junge Frau lehnt jedoch ab, da sie bereits erregt ist und die Wirkung des Weins fürchtet. Der Pascha weist den Mohr fort und beginnt, die Odaliske zu küssen. Plötzlich dringt ein Schrei von außen an ihr Ohr, und sie fragt erschrocken nach der Ursache. Der Pascha antwortet, dass der Mohr gestorben sei, da er den Wein getrunken habe, dem heimlich Gift beigemischt war. Der Pascha erklärt, dass er jede Sklavin auf diese Weise prüfe, um sicherzustellen, dass sie treu bleibt. Das Gedicht thematisiert die Machtverhältnisse zwischen Herr und Sklavin sowie die sinnliche Anziehungskraft der Odaliske. Es zeigt auch die Grausamkeit des Paschas, der die Sklavin einer Art Treueprüfung unterzieht, bei der der Mohr als Opfer dient. Die Odaliske bleibt letztlich passiv und wehrlos in dieser Situation, während der Pascha die Kontrolle über sie und die anderen Sklaven ausübt.
Schlüsselwörter
Wortwolke

Stilmittel
- Metapher
- Beigemischt war ihm der Tod
- Personifikation
- Zur Abwehr gar den Dorn noch zückt
- Vergleich
- Mißt Zug für Zug