Die neue freie Zeit

Robert Eduard Prutz

1816

Nun freuet euch, ihr Frommen, nun ist der Tag gekommen, den ihr so lange erharrt: Durch Beten und durch Glauben, nun wird man rückwärts schrauben die schnöde Gegenwart.

Trotz Widerspruch und Schnarchen, die Zeit der Patriarchen, schon kehrt sie uns zurück: Modern sind wir gewesen, nun werden wir Chinesen - Chinesen, welch ein Glück!

O China, Reich der Sitte, Reich der gerechten Mitte, du Reich der Majestät: Wo niemand braucht zu sorgen, wo alles heut wie morgen, in ew′gen Gleisen geht!

Dein Beispiel soll uns lehren, zur Einfalt zu bekehren das sündige Geschlecht: Nun scheren wir die Köpfe, nun salben wir die Zöpfe, der dickste Zopf hat recht!

Nun müßt ihr schweigend sitzen und auf die Nasenspitzen in stiller Andacht sehn: So wird die Menge preisend und mit dem Finger weisend euch demutvoll umstehn.

Nun gegen Strauß und Bauer, nun baut man eine Mauer rings um das Reich herum: drauf stehn mit stolzen Mienen die Herren Mandarinen und nicken und - sind stumm.

Das Schreiben und das Sprechen das gilt nun als Verbrechen, denn nur der Kaiser spricht! Nun, mächtiger und weiser als unser Herr, der Kaiser, ist selbst der Herrgott nicht.

Und will das Fleisch sich regen, und fragen wir, weswegen? O dann dem Kaiser Preis: Dann kriegen wir als Kinder, bald stärker, bald gelinder, die Rute auf den Steiß.

So bilden wir mit Ehren als ob wir′s selber wären, den Mittelpunkt der Welt! Was schert in unsrer Glorie, was schert uns die Historie, wenn′s nur zusammenhält?

Drum immer frisch geschoben, gehoben und geschroben, nach China frisch herum! Doch wollt ihr′s recht vollenden, o dann mit gnäd′gen Händen, o gebt uns Opium!

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Illustration zu Die neue freie Zeit

Interpretation

Das Gedicht "Die neue freie Zeit" von Robert Eduard Prutz ist eine satirische Auseinandersetzung mit dem Konzept der Freiheit und der Sehnsucht nach einer vermeintlich besseren Vergangenheit. Prutz kritisiert die Idee, dass eine Rückkehr zu traditionellen Werten und Strukturen, wie sie im China der damaligen Zeit vorherrschten, eine Lösung für die Probleme der modernen Gesellschaft sein könnte. Das Gedicht beginnt mit einem Aufruf an die "Frommen", sich zu freuen, da der lang ersehnte Tag gekommen sei, an dem die "schnöde Gegenwart" rückwärts geschraubt werde. Prutz verwendet hier eine ironische Anspielung auf die Sehnsucht nach einer vermeintlich besseren Vergangenheit und den Glauben, dass durch Gebet und Glauben eine Rückkehr zu traditionellen Werten möglich sei. Im weiteren Verlauf des Gedichts wird das Bild des China als idealisierte, statische Gesellschaft gezeichnet, in der alles in "ew'gen Gleisen geht" und niemand sorgen muss. Prutz kritisiert hier die Vorstellung einer harmonischen, unveränderlichen Gesellschaft, in der Individualität und Freiheit unterdrückt werden. Die Beschreibung der "Herrn Mandarinen", die stolz und stumm auf der Mauer stehen, symbolisiert die autoritäre Herrschaft und die Unterdrückung von freiem Denken und Sprechen. Das Gedicht endet mit einer sarkastischen Aufforderung, sich nach China umzusehen und sich dessen Werte zu eigen zu machen. Prutz verwendet hier das Bild des Opiums als Metapher für die Verblendung und die Flucht vor der Realität. Er deutet an, dass die Sehnsucht nach einer vermeintlich besseren Vergangenheit und die Unterdrückung von Freiheit und Individualität letztendlich zu einer Art geistiger Betäubung führen.

Schlüsselwörter

reich kaiser chinesen china gen recht herum bald

Wortwolke

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Stilmittel

Alliteration
schweigend sitzen
Anapher
Nun freuet euch, ihr Frommen, nun ist der Tag gekommen, den ihr so lange erharrt: Durch Beten und durch Glauben, nun wird man rückwärts schrauben die schnöde Gegenwart.
Anspielung
China, Reich der Sitte, Reich der gerechten Mitte
Bildsprache
Rings um das Reich herum: drauf stehn mit stolzen Mienen die Herren Mandarinen
Hyperbel
Der dickste Zopf hat recht!
Ironie
Modern sind wir gewesen, nun werden wir Chinesen - Chinesen, welch ein Glück!
Kontrast
Und will das Fleisch sich regen, und fragen wir, weswegen? O dann dem Kaiser Preis
Metapher
Reich der gerechten Mitte
Personifikation
Die Zeit der Patriarchen, schon kehrt sie uns zurück
Spöttische Übertreibung
Dann kriegen wir als Kinder, bald stärker, bald gelinder, die Rute auf den Steiß.
Wiederholung
Nun freuet euch, ihr Frommen, nun ist der Tag gekommen, den ihr so lange erharrt: Durch Beten und durch Glauben, nun wird man rückwärts schrauben die schnöde Gegenwart.