Die Nachtigall und die Lerche

Christian Fürchtegott Gellert

1731

Die Nachtigall sang einst mit vieler Kunst; Ihr Lied erwarb der ganzen Gegend Gunst; Die Blätter in den Gipfeln schwiegen Und fühlten ein geheim Vergnügen. Der Vögel Chor vergaß der Ruh′ Und hörte Philomelen zu. Aurora selbst verzog am Horizonte, Weil sie die Sängerin nicht g′nug bewundern konnte. Denn auch die Götter rührt der Schall Der angenehmen Nachtigall; Und ihr, der Göttin, ihr zu Ehren Ließ Philomele sich noch zweimal schöner hören. Sie schweigt darauf. Die Lerche naht sich ihr Und spricht: “Du singst viel reizender als wir; Dir wird mit Recht der Vorzug zugesprochen; Doch eins gefällt uns nicht an dir, Du singst das ganze Jahr nicht mehr als wenig Wochen.”

Doch Philomele lacht und spricht: “Dein bittrer Vorwurf kränkt mich nicht Und wird mir ewig Ehre bringen. Ich singe kurze Zeit. Warum? Um schön zu singen. Ich folg′ im Singen der Natur; So lange sie gebeut, so lange sing′ ich nur. Sobald sie nicht gebeut, so hör′ ich auf zu singen; Denn die Natur läßt sich nicht zwingen.”

O Dichter, denkt an Philomelen, Singt nicht, so lang ihr singen wollt. Natur und Geist, die euch beseelen, Sind euch nur wenig Jahre hold. Soll euer Witz die Welt entzücken, So singt, so lang ihr feurig seid, Und öffnet euch mit Meisterstücken Den Eingang in die Ewigkeit. Singt geistreich der Natur zu Ehren; Und scheint euch die nicht mehr geneigt, So eilt, um rühmlich aufzuhören, Eh′ ihr zu spät mit Schande schweigt. Wer, sprecht ihr, will den Dichter zwingen? Er bindet sich an keine Zeit. So fahrt denn fort, noch alt zu singen, Und singt euch um die Ewigkeit.

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Illustration zu Die Nachtigall und die Lerche

Interpretation

Das Gedicht "Die Nachtigall und die Lerche" von Christian Fürchtegott Gellert erzählt von einem Wettstreit der Lerche mit der Nachtigall. Die Nachtigall wird als meisterhafte Sängerin dargestellt, deren Lied die Natur und sogar die Götter zum Schweigen bringt. Die Lerche kritisiert die Nachtigall jedoch dafür, dass sie nur für kurze Zeit im Jahr singt. Die Nachtigall verteidigt sich damit, dass sie der Natur folgt und nur dann singt, wenn es ihr erlaubt ist. Im zweiten Teil des Gedichts wendet sich Gellert direkt an die Dichter und fordert sie auf, sich ein Beispiel an der Nachtigall zu nehmen. Er ermutigt sie, solange zu schreiben, wie sie inspiriert sind und ihre Kreativität im Fluss ist. Sobald die Inspiration nachlässt, sollten sie aufhören, um nicht als verblasste Künstler in Erinnerung zu bleiben. Gellert betont, dass die Natur und der Geist, die die Dichter beseelen, ihnen nur eine begrenzte Zeit hold sind. Daher sollten sie ihre Werke nutzen, um sich einen Platz in der Ewigkeit zu sichern.

Schlüsselwörter

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Stilmittel

Anapher
So lange sie gebeut, so lange sing′ ich nur. Sobald sie nicht gebeut, so hör′ ich auf zu singen
Hyperbel
Ihr Lied erwarb der ganzen Gegend Gunst
Ironie
Dein bittrer Vorwurf kränkt mich nicht
Kontrast
Du singst das ganze Jahr nicht mehr als wenig Wochen
Metapher
Aurora selbst verzog am Horizonte
Parallelismus
Singt nicht, so lang ihr singen wollt. Natur und Geist, die euch beseelen
Personifikation
Die Blätter in den Gipfeln schwiegen und fühlten ein geheim Vergnügen.
Rhetorische Frage
Wer, sprecht ihr, will den Dichter zwingen?
Symbolik
Philomela (Nachtigall) steht für die Künstlerin
Vergleich
O Dichter, denkt an Philomelen