Die Nachtigall und der Kuckuck
1731Die Nachtigall sang einst ihr göttliches Gedicht, Zu sehn, ob es die Menschen fühlten. Die Knaben, die im Tale spielten, Die spielten fort und hörten nicht. Indem ließ sich der Kuckuck lustig hören, Und der erhielt ein freudig Ach! Die Knaben lachten laut und machten ihm zu Ehren Das schöne Kuckuck zehnmal nach. “Hörst du?” sprach er zu Philomelen, “Den Herren fall′ ich recht ins Ohr. Ich denk′, es wird mir nicht viel fehlen, Sie ziehn mein Lied dem deinen vor.”
Drauf kam Damöt mit seiner Schöne. Der Kuckuck schrie sein Lied: sie gingen stolz vorbei. Nun sang die Meisterin der zauberischen Töne Vor dem Damöt und seiner Schöne In einer sanften Melodei. Sie fühlten die Gewalt der Lieder: Damöt steht still, und Phyllis setzt sich nieder Und hört ihr ehrerbietig zu. Ihr zärtlich Blut fängt an zu wallen; Ihr Auge läßt vergnügte Zähren fallen.
“O!” rief die Nachtigall, “da, Schwätzer, lerne du, Was man erhält, wenn man den Klugen singt. Der Ausbruch einer stummen Zähre Bringt Nachtigallen weit mehr Ehre, Als dir der laute Beifall bringt.”
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Interpretation
Das Gedicht "Die Nachtigall und der Kuckuck" von Christian Fürchtegott Gellert erzählt von einem Wettstreit der Lieder zweier Vögel und deren unterschiedlicher Wirkung auf die Menschen. Die Nachtigall singt ein göttliches Lied, doch die spielenden Knaben beachten sie nicht und lassen sich stattdessen vom einfachen Ruf des Kuckucks begeistern. Die Kinder imitieren fröhlich den Kuckuck, der sich über seine Beliebtheit freut und meint, sein Lied werde dem der Nachtigall vorgezogen. Doch als ein Paar, Damöt und seine Schöne Phyllis, vorbeikommt, ändert sich die Situation. Der Kuckuck ruft vergeblich, doch Damöt und Phyllis gehen stolz vorbei, ohne auf ihn zu achten. Die Nachtigall hingegen singt daraufhin in sanfter Melodie, und ihre Stimme übt eine gewaltige Wirkung auf das Paar aus. Damöt bleibt stehen, Phyllis setzt sich nieder, und beide hören der Nachtigall ehrfürchtig zu. Phyllis' zärtliches Blut beginnt zu wallen, und sie lässt vergnügte Tränen fallen. Die Nachtigall triumphiert über den Kuckuck und lehrt ihn eine Lektion. Sie erklärt, dass die stummen Tränen der Klugen ihr weit mehr Ehre bringen als der laute Beifall, den der Kuckuck erhält. Das Gedicht verdeutlicht den Unterschied zwischen oberflächlicher Beliebtheit und tiefer, gefühlvoller Wirkung. Während der Kuckuck mit seinem einfachen Ruf die Aufmerksamkeit der Kinder auf sich zieht, erreicht die Nachtigall mit ihrer kunstvollen und gefühlvollen Musik die Herzen der Erwachsenen und ruft wahre Emotionen hervor.
Schlüsselwörter
Wortwolke

Stilmittel
- Alliteration
- Der Ausdruck "zauberischen Töne" verwendet die Wiederholung des Zischlautes.
- Bildsprache
- Die Beschreibung der emotionalen Wirkung der Nachtigall auf Damöt und Phyllis schafft lebendige Bilder.
- Direkte Rede
- Die Nachtigall spricht direkt zum Kuckuck und gibt ihm eine Lektion.
- Hyperbel
- Die Beschreibung, dass das Blut "zärtlich" anfängt zu wallen, übertreibt die emotionale Reaktion.
- Ironie
- Der Kuckuck ist sich sicher, dass sein Lied dem der Nachtigall vorgezogen wird, doch die Menschen reagieren nur mit einem "freudig Ach!" und spielen sein Lied nach.
- Kontrast
- Der Kuckuck wird von den Knaben ignoriert, während die Nachtigall bei Damöt und Phyllis eine tiefe emotionale Wirkung erzielt.
- Metapher
- Die Nachtigall singt ein "göttliches Gedicht", was ihre Stimme mit göttlicher Poesie vergleicht.
- Personifikation
- Die Nachtigall und der Kuckuck werden als sprechende und fühlende Wesen dargestellt.
- Symbolik
- Die Nachtigall steht für wahre Kunst und emotionale Tiefe, während der Kuckuck für oberflächlichen Beifall steht.
- Vergleich
- Die Nachtigall vergleicht den Wert einer stillen Träne mit lautem Beifall.