Die Nacht in St. Peter (2)

Wilhelm Friedrich Waiblinger

1893

O hört mein Lied! Nicht Tand und Spielwerk nur, Nicht Reim und Klang und Schall ist, was ich singe. Nicht, wie gefaßt vom Fluche der Natur Im Vaterlande jetzt der Dichterlinge, Der gottverlaßnen, ungezählter Schwarm Das Land der Staufen lästert und die Muse. Zernichte sie, wenn auch an Bessern arm, Der Nachwelt unerbittliche Meduse! Von Lieb′ und süßen Dingen sing′ ich nicht, Ein andrer soll, nicht Morpheus euch umschweben, Mein Lied ist ein erhaben Traumgesicht, Mein Lied ist ernst, wie Rom und wie mein Leben. Man weiß, wie donnernd aus erschloßnem Grund Urweltlich oft von seinem Zorn getrieben, Der Erdgeist bricht durch seinen Flammenmund, Daß Meere zittern, Berge selbst zerstieben: So weht′s gleich einer finstern Macht empor Aus tiefster Seele mir, ein einz′ger Schauer, Vom Herzen steigt es auf, wo′s mächtig gohr, Ein Feuerbild, voll schwermuthsvoller Trauer. Auf Erden weilt die Freude ja nicht mehr, Der Vorwelt Jubel sind der Mitwelt Klagen, Die Muse wählt ein Herz von Kummer schwer, Zu seinem Gram den ihren auch zu tragen. So hört denn ihr im theuren Vaterland, Hier aus St. Peters weltgepries′nen Hallen, Wohin selbst von des Nils entferntem Strand, Vom Libanon die frommen Pilger wallen, Hört, was in ihm dein Geist mir eingeweht, O Rom, du großer Tempel der Geschichte, Und der Heroen ernste Majestät, Erwachend im beseelenden Gedichte, Denn mit des Weltgerichts Posaune weckt Im Sturme der Begeisterung der Sänger, Die schon Jahrtausende das Grab gedeckt, Die Vorwelt auf; je schauriger und länger Die Zeit um sie den ew′gen Schleier hüllt, Um desto heiliger ist ihr Erscheinen, Und höher wächst der Strom, je mehr gefüllt Vom Urquell, Wetterbäche sich vereinen. In Bildern red′ ich euch ans offne Herz, Die Wahrheit spricht so gern in düstern Fragen, Im Dunkel klagt der Nachtigallen Schmerz; Das Frühroth siehst du aus der Nacht nur tagen, Und soll euch Wohllaut freuen im Gesang, So sei′s nicht Lautenton, dem Kinder lauschen, Es sei des Meeres uralt heil′ger Klang, In dem der Schöpfer ewig scheint zu rauschen. Ihr aber, die der Genius nicht geweiht, Mißgünst′ge, Todtgeborne treten ferne. Wohlan! schwebt denn für alle Ewigkeit In leerer Nacht, wie sonnenlose Sterne.

Ich stand auf jener klaren Höh′ im Traum, Da, wo des Venustempels alte Zelle, Die halbzerfall′ne, mit der Büsche Saum Sich rundlich wölbt, auf längst begrabner Schwelle. Um mich herum lag es in ödem Graus Von Säulenstücken und von Marmorblöcken, Die, einst der Schmuck von Nero′s goldnem Haus, Das Gras gleich sterbenden Titanen decken. Und vor mir unaussprechlich dunkel ragt Das Colosseum in des Himmels Lüfte, So wie vom Aar des Donnerers zernagt, Prometheus Felsenherz in seine Grüfte. Sieht′s mich nicht an, das heil′ge Ungethüm, Als ob in seiner ungeheuern Tiefe, Gebändigt endlich von des Schicksals Grimm, Der Römer Geist in seinem Grabe schliefe! Wie klein in dieser eingestürzten Welt Graut durch die Dunkelheit der Siegesbogen, Durch den der Schlachten großer Herr und Held Und seine ruhmbekrönten Heere zogen. O was gewahr′ ich? Ueberm Mauerkranz Des halb zertrümmerten Gebirges wieder In reinem ewig jungen Schöpfungsglanz, Du Wonne meiner Lieb′ und meiner Lieder, Ach mein Orion du! Den ich geliebt, Als ich von Platons Flügelrossen träumte, Als noch krystallhell, rein und ungetrübt Der Freude Lichtquell mir entgegenschäumte, Du Zeuge jener süßen Himmelsgluth, Als noch auf ihrem schönen Lockenhaupte Dein milder Zauberschein auf ihr geruht, Die mir so früh der Hölle Wahnsinn raubte! Wenn ihre Lipp′ in langer Seligkeit Vollathmend heiß, auf meinem Munde glühte, Und uns vom goldnen Frühlingsbaum der Zeit Der schönsten Augenblicke Lust erblühte, Da deutet′ ich so oft hinauf zu dir, Und abergläubisch hing an deinen Strahlen Mein liebend Herz; ach warum wurd′st du mir So bald das Sternbild meiner höchsten Qualen? Du lächelst noch in deiner sel′gen Ruh, Klar nach Aeonen wie am Schöpfungstage, Mit deinem holden Augenlicht mir zu, Du hörtest mein Entzücken, meine Klage. Als einst wie auf das erste Menschenpaar Auf mich sein Flammenschwerdt der Engel zückte, Als mir des Abgrunds wachsende Gefahr Entgegengrauste, weil ich lechzend pflückte, Was mir die menschlich dürftige Natur Zur hohen Götterfreiheit sollte schwingen, Und weil ich los von jeder niedern Spur Hier schon zum Lebensurquell wollte dringen, Als ich nun plötzlich so verlassen stand, Gleich einer Eiche, der man die Gespielen All′ um sie her gefällt, und ach mißkannt, Verflucht, mit brennend marternden Gefühlen Die Welt in Schutt und Asche sinken sah, Da blickt′ ich oft empor zu deinem Lichte Denn immer bist du meinem Herzen nah, So oft ich′s trübe Auge zu dir richte. Du bist ja einzig, unveränderlich, Dein Sternengürtel glänzt in ew′ger Klarheit, Der Mensch allein verliert die Welt und sich, Und wer sich selbst verliert, verliert die Wahrheit. - Nun mein Orion strahlt dein heilig Bild Zum erstenmale hier dem Neugebornen, Die Schwermuth weicht, es ist der Schmerz gestillt, Entflohen sind die Schatten der Verlornen. Zum heimathlichen Grabe fliehen sie Vor höhern Geistern, die der Erd′ entsteigen, Entweicht - Rom trauert in Melancholie, Die Weltgeschichte spricht, die Menschen schweigen.

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Illustration zu Die Nacht in St. Peter (2)

Interpretation

Das Gedicht "Die Nacht in St. Peter (2)" von Wilhelm Friedrich Waiblinger ist ein tiefgründiges und melancholisches Werk, das die Themen der Vergänglichkeit, der menschlichen Existenz und der Sehnsucht nach dem Unveränderlichen behandelt. Der Sprecher beginnt mit einem Aufruf, sein Lied zu hören, das nicht nur Reim und Klang ist, sondern eine ernsthafte und erhabene Botschaft trägt. Er kritisiert die Dichter seiner Zeit, die das Land der Staufen lästern und die Muse missbrauchen. Stattdessen singt er von Liebe und süßen Dingen, aber auch von der Ernsthaftigkeit des Lebens und der Geschichte Roms. Der Sprecher beschreibt dann eine Vision, die er auf einer klaren Höhe im Traum hatte. Er steht vor dem Colosseum, einem Symbol der Vergänglichkeit und des Untergangs des Römischen Reiches. Doch inmitten dieser Zerstörung erblickt er seinen Orion, den er als Zeugen seiner vergangenen Liebe und seiner höchsten Qualen betrachtet. Orion, ein unveränderlicher und ewiger Stern, symbolisiert für den Sprecher die Konstanz und die Wahrheit, die er inmitten der Vergänglichkeit sucht. Am Ende des Gedichts findet der Sprecher Trost und Frieden in der Gegenwart seines Orion, der seine Schwermuth weicht und den Schmerz stillt.

Schlüsselwörter

oft hört lied rom selbst gleich ger herz

Wortwolke

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Stilmittel

Alliteration
So hört denn ihr im theuren Vaterland
Anapher
Und höher wächst der Strom, je mehr gefüllt Vom Urquell, Wetterbäche sich vereinen
Hyperbel
Mit des Weltgerichts Posaune weckt Im Sturme der Begeisterung der Sänger
Kontrast
Die Schwermuth weicht, es ist der Schmerz gestillt
Metapher
Zum erstenmale hier dem Neugebornen
Personifikation
Die Welt in Schutt und Asche sinken sah
Symbolik
O Rom, du großer Tempel der Geschichte
Vergleich
Gleich einer Eiche, der man die Gespielen All' um sie her gefällt