Die Nacht

Georg Heym

1912

Auf Schlangenhälsen die feurigen Sterne hängen herunter auf schwankende Türme, die Dächer gegeißelt. Und Feuer springet, wie ein Gespenst durch die Gasse der Stürme.

Fenster schlagen mit Macht. Und die Mauern, die alten, reißen die Tore auf in zahnlosem Munde. Aber die Brücken fallen über dem Schlunde und der Tod stehet draußen, der Alte.

Aber die Menschen rennen, ohne zu wissen blind und schreiend, mit Schwertern und Lanzen. Unten hallet es dumpf, und die Glocken tanzen, schlagend laut auf, von den Winden gerissen.

Die Plätze sind rot und tot. Und riesige Monde steigen über die Dächer mit steifen Beinen den fiebernden Schläfern tief in die Kammer zu scheinen, und die Stirne wird fahl wie frierendes Leinen.

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Illustration zu Die Nacht

Interpretation

Das Gedicht "Die Nacht" von Georg Heym beschreibt eine nächtliche Szene, die von bedrohlicher Atmosphäre und apokalyptischen Zügen geprägt ist. Die Naturgewalten scheinen sich gegen die Stadt und ihre Bewohner zu richten. Die "feurigen Sterne" hängen wie Schlangen an den "schwankenden Türmen", während Feuer durch die "Gasse der Stürme" geistert. Die Stadt selbst wirkt lebendig und zerstörerisch, mit Fenstern, die "mit Macht" zuschlagen, und Mauern, die ihre Tore in einem "zahnlosen Munde" aufreißen. Die Menschen in dieser Nacht sind von Panik und Chaos erfasst. Sie rennen "blind und schreiend" durch die Straßen, bewaffnet mit Schwertern und Lanzen, ohne zu wissen, wovor sie eigentlich fliehen. Die Geräuschkulisse wird durch das dumpfe Hämmern und die von den Winden gerissenen, tanzenden Glocken verstärkt. Die Plätze werden als "rot und tot" beschrieben, was auf Blutvergießen und Tod hindeutet. Die "riesigen Monde" steigen über die Dächer und werfen ihr unheimliches Licht in die Schlafzimmer der fiebernden Schläfer, deren bleiche Stirnen an "frierendes Leinen" erinnern. Das Gedicht vermittelt eine düstere, albtraumhafte Stimmung, in der Naturgewalten, Stadt und Mensch in einem zerstörerischen Tanz vereint sind. Die Nacht wird zum Symbol für den Untergang und das Ende aller Ordnung. Die apokalyptische Stimmung wird durch die Personifizierung der Naturgewalten und der Stadt selbst verstärkt. Die Menschen erscheinen als hilflose Opfer dieser nächtlichen Katastrophe, getrieben von irrationaler Angst und Gewalt.

Schlüsselwörter

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Stilmittel

Metapher
die Stirne wird fahl wie frierendes Leinen
Personifikation
Mondes scheinen den fiebernden Schläfern zu