Die Nacht

Friedrich Theodor Vischer

1807

Am Himmel ist gar dunkle Nacht; Die müden Augen zugemacht Hat längst ein jedes Menschenkind; Es wacht nur noch der rauhe Wind.

Der jaget sonder Rast und Ruh Die Fensterläden auf und zu, Die Wetterfahne hin und her, Daß sie muß ächzen und stöhnen schwer.

Doch sieh! aus jenem Fenster bricht In’s Dunkel noch ein mattes Licht. Wer ist’s wohl, der in tiefer Nacht Bei seiner Lampe einsam wacht?

Ich schleiche dicht an’s Fensterlein, Schau’ durch die runde Scheib’ hinein, Und einen Jüngling zart und schön Seh’ ich an einem Bette stehn.

Und wie ich nach dem Bette schau’, Da schlummert eine kranke Frau. Er bückt sich über’s Bett hinein, Es muß des Knaben Mutter sein.

Vom Bette läßt er nicht den Blick, Er streicht das braune Haar zurück, Sacht’ hält er ihr das Ohr zum Mund, Ob sie noch athme zu dieser Stund.

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Illustration zu Die Nacht

Interpretation

Das Gedicht "Die Nacht" von Friedrich Theodor Vischer beschreibt eine stille, dunkle Nacht, in der die meisten Menschen schlafen. Nur der Wind ist wach und bewegt sich unruhig, indem er Fensterläden und Wetterfahnen hin und her bewegt. Doch aus einem Fenster bricht noch ein mattes Licht in die Dunkelheit. Der Erzähler schleicht sich heran und schaut durch das Fenster. Er sieht einen jungen, zarten und schönen Mann, der an einem Bett steht, in dem eine kranke Frau schlummert. Es muss die Mutter des Jünglings sein. Der junge Mann lässt seinen Blick nicht vom Bett und streicht der Frau sanft das braune Haar zurück. Er hält ihr vorsichtig das Ohr an den Mund, um zu hören, ob sie noch atmet. Das Gedicht vermittelt eine Atmosphäre von Stille, Dunkelheit und Sorge. Die Nacht wird als eine Zeit der Ruhe und des Schlafs dargestellt, in der nur der Wind aktiv ist. Doch in diesem einen Haus ist jemand wach und wacht über einen kranken Menschen. Der junge Mann zeigt große Fürsorge und Zärtlichkeit gegenüber seiner Mutter. Er beobachtet sie aufmerksam und prüft, ob sie noch lebt. Das Gedicht thematisiert die Liebe und Fürsorge in der Familie, besonders in schwierigen Zeiten wie einer Krankheit. Es zeigt, wie wichtig es ist, füreinander da zu sein und füreinander zu sorgen.

Schlüsselwörter

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Wortwolke

Wortwolke zu Die Nacht

Stilmittel

Bildsprache
Ob sie noch athme zu dieser Stund
Metapher
Er bückt sich über's Bett hinein
Personifikation
Daß sie muß ächzen und stöhnen schwer
Rhetorische Frage
Wer ist's wohl, der in tiefer Nacht / Bei seiner Lampe einsam wacht?