Die Mörder sitzen in der Oper

Walter Hasenclever

1917

Zum Andenken an Karl Liebknecht

Der Zug entgleist. Zwanzig Kinder krepieren. Die Fliegerbomben töten Mensch und Tier. Darüber ist kein Wort zu verlieren. Die Mörder sitzen im Rosenkavalier.

Soldaten verachtet durch die Straßen ziehen. Generäle prangen im Ordensstern. Deserteure, die vor dem Angriff fliehen, Erschießt man im Namen des obersten Herrn.

Auf, Dirigent, von deinem Orchesterstuhle! Du hast Menschen getötet. Wie war dir zu Mut? Waren es viel? Die Mörder machen Schule. Was dachtest du beim ersten spritzenden Blut?

Der Mensch ist billig, und das Brot wird teuer. Die Offiziere schreiten auf und ab. Zwei große Städte sind verkohlt im Feuer. Ich werde langsam wach im Massengrab.

Ein gelber Leutnant brüllt an meiner Seite: “Sei still, du Schwein!” Ich gehe stramm vorbei: Im Schein der ungeheuren Todesweite Vor Kälte grau in alter Leichen Brei.

Das Feld der Ehre hat mich ausgespieen; Ich trete in die Königsloge ein. Schreiende Schwärme schwarzer Vögel ziehen Durch goldene Tore ins Foyer hinein.

Sie halten blutige Därme in den Krallen, Entrissen einem armen Grenadier. Zweitausend sind in dieser Nacht gefallen! Die Mörder sitzen im Rosenkavalier.

Verlauste Krüppel sehen aus den Fenstern. Der Mob schreit: “Sieg!” Die Betten sind verwaist. Stabsärzte halten Musterung bei Gespenstern; Der dicke König ist zur Front gereist.

“Hier, Majestät, fand statt das große Ringen!” Es naht der Feldmarschall mit Eichenlaub. Die Tafel klirrt. Champagnergläser klingen. Ein silbernes Tablett ist Kirchenraub.

Noch strafen Kriegsgerichte das Verbrechen Und hängen den Gerechten in der Welt. Geh hin, mein Freund, du kannst dich an mir rächen! Ich bin der Feind. Wer mich verrät, kriegt Geld.

Der Unteroffizier mir Herrscherfratze Steigt aus geschundenem Fleisch ins Morgenrot. Noch immer ruft Karl Liebknecht auf dem Platze: “Nieder der Krieg!” Sie hungern ihn zu Tod.

Wir alle hungern hinter Zuchthaussteinen, Indes die Opfer tönt im Kriegsgewinn. Misshandelte Gefangene stehn und weinen Am Gittertor der ewigen Knechtschaft hin.

Die Länder sind verteilt. Die Knochen bleichen. Der Geist spinnt Hanf und leistet Zwangsarbeit. Ein Denkmal steht im Meilenfeld der Leichen Und macht Reklame für die Ewigkeit.

Man rührt die Trommel. Sie zerspringt im Klange. Brot wird Ersatz und Blut wird Bier. Mein Vaterland, mir ist nicht bange! Die Mörder sitzen im Rosenkavalier.

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Illustration zu Die Mörder sitzen in der Oper

Interpretation

Das Gedicht "Die Mörder sitzen in der Oper" von Walter Hasenclever ist eine scharfe Anklage gegen den Krieg und seine verheerenden Folgen. Es zeigt eine Gesellschaft, in der die wahren Verantwortlichen - die "Mörder" - in Sicherheit und Luxus leben, während das Volk unter den Schrecken des Krieges leidet. Die "Mörder" sitzen im "Rosenkavalier", einer Oper von Richard Strauss, die als Symbol für die verlogene und dekadente Oberschicht steht, die den Krieg als Spektakel betrachtet, während die Realität auf den Schlachtfeldern und in den Städten Tod und Zerstörung bedeutet. Das Gedicht zeichnet ein düsteres Bild der Kriegsgesellschaft, in der Menschenleben billig sind und der Tod allgegenwärtig ist. Es beschreibt die Entmenschlichung der Soldaten, die als "verachtet" durch die Straßen ziehen, und die Brutalität der Militärjustiz, die Deserteure hinrichtet. Die Gleichgültigkeit der Mächtigen gegenüber dem Leid der Bevölkerung wird deutlich, wenn Generäle im "Ordensstern" prangen, während Städte "verkohlt im Feuer" liegen. Das Gedicht vermittelt ein Gefühl von Hilflosigkeit und Entfremdung, das sich in der Zeile "Ich werde langsam wach im Massengrab" ausdrückt. Ein zentrales Element des Gedichts ist die Erinnerung an Karl Liebknecht, einen prominenten deutschen Sozialisten und Pazifisten, der während des Ersten Weltkriegs inhaftiert und ermordet wurde. Liebknechts Kampf gegen den Krieg wird als ungebrochen dargestellt, auch wenn er "hinter Zuchthaussteinen" gefangen ist. Das Gedicht endet mit einer ironischen Umkehrung patriotischer Parolen, indem es die "Mörder" im "Rosenkavalier" als die wahren Feinde des Volkes identifiziert und damit die offizielle Kriegsrhetorik entlarvt.

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Stilmittel

Alliteration
Soldaten verachtet durch die Straßen ziehen
Hyperbel
Zweitausend sind in dieser Nacht gefallen!
Ironie
Der dicke König ist zur Front gereist
Kontrast
Der Mensch ist billig, und das Brot wird teuer
Metapher
Die Mörder sitzen im Rosenkavalier
Personifikation
Der Geist spinnt Hanf und leistet Zwangsarbeit
Symbolik
Rosenkavalier
Wiederholung
Die Mörder sitzen im Rosenkavalier