Die Mittelmässigen
1842Die Musik ist heutzutage Wohl der Menschheit grösste Plage: Schauervolles wird erreicht, Wenn der Mensch die Geige streicht, Oder um die Abendröthe Zwecklos bläst auf einer Flöte. Und ich hege die Vermutung, Dass auch der Posaune Tutung Manchem wohl bei Tag und Nacht Keine grosse Freude macht. Dieser schlägt mit viel Gebimbel Grausamlich das Klavezimbel Jener aber gnadenlos, Kneift das Cello - Gott ist gross! Seine Langmuth ist unendlich, Treibt′s der Mensch auch noch so schändlich.
Andre wieder, wie wir wissen, Sind der Poesie beflissen, Kochen zu der Menschheit Schauer Tag für Tag ihr Herz in Sauer, Wandeln auf geblümter Au. Viele Trauer-, Lust- und Schau- Spiele fliessen zäh wie Leder Aus der öden Dichterfeder, Und es rinnt die trübe Fluth Ohne Ende! - Gott ist gut, Dass er solches lässt geschehn, Ohne ins Gericht zu gehn!
Andre, zu der Menschheit Qualen, Legen wieder sich aufs Malen Und beschmieren ohne Ende Viele schöne Leinewände Und viel herrliches Papier, Zum Erbarmen ist es schier! - Wär′ mit Rosen und Kamillen Ihre Schmierwuth nur zu stillen Nein, sie wagen frech und wild Sich an Gottes Ebenbild, Und sie pinseln und sie kratzen Süsslich, wabblich ihre Fratzen, Dass die liebe Sonne weint, Wenn sie solchen Schund bescheint. Und so reiht sich Bild zu Bilde Unermesslich! - Gott ist milde, Denn er warf noch nie mit Feuer Unter solche Ungeheuer!
Doch, wenn mal ein grosser Geist Sich empor zum Himmel reisst Und vom ew′gen Born der Klarheit Nieder bringt das Licht der Wahrheit, Muss man sehen diese Ekel, Diese krummgebeinten Teckel Wie sie ihn herunter reissen Und ihn in die Waden beissen, Denn sie schätzen jeder Frist Nur, was ihres Gleichen ist!
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Interpretation
Das Gedicht "Die Mittelmässigen" von Heinrich Seidel kritisiert die Mittelmäßigkeit in den Künsten. Es beschreibt, wie Musik, Poesie und Malerei oft von talentlosen Menschen betrieben werden, die die Menschheit mit ihrem Schaffen quälen. Der Dichter beklagt die unendliche Produktion von schlechter Kunst und preist gleichzeitig die Geduld und Güte Gottes, der dies alles geschehen lässt. Seidel schildert die verschiedenen künstlerischen Ausdrucksformen als Plage für die Menschheit. Die Musik wird als schauerlich und qualvoll dargestellt, die Poesie als trübe und öde, und die Malerei als beschämend und schändlich. Der Dichter betont, dass diese Mittelmäßigen nur das schätzen, was ihrem eigenen Niveau entspricht, und große Geister, die wahre Kunst hervorbringen, herabwürdigen und angreifen. Das Gedicht endet mit der Feststellung, dass die Mittelmäßigen jeden großen Geist, der sich emporarbeitet und Wahrheit bringt, wieder herunterreißen und angreifen. Seidel kritisiert die Neid und den Mangel an Anerkennung für wahre Genialität in der Gesellschaft. Das Gedicht ist eine scharfe Anklage gegen die kulturelle Mittelmäßigkeit und den Neid, der wahre Kunst und Genialität umgibt.
Schlüsselwörter
Wortwolke

Stilmittel
- Alliteration
- Schauervolles wird erreicht, Wenn der Mensch die Geige streicht
- Hyperbel
- Seine Langmuth ist unendlich, Treibt′s der Mensch auch noch so schändlich
- Metapher
- Kochen zu der Menschheit Schauer Tag für Tag ihr Herz in Sauer
- Personifikation
- Und sie pinseln und sie kratzen Süsslich, wabblich ihre Fratzen, Dass die liebe Sonne weint, Wenn sie solchen Schund bescheint
- Reim
- Plage - streicht, Röthe - Flöte, Tutung - Nacht, Bimbel - Zimbel, gnadenlos - Cello, Schauer - Sauer, Au - Leder, Fluth - geschehn, Qualen - Malen, Ende - Schier, stillen - wild, wild - Ebenbild, kratzen - Fratzen, weint - bescheint, Bilde - milde, Geist - reisst, Klarheit - Wahrheit, Ekel - Teckel, reissen - beissen, Frist - ist
- Synästhesie
- Schauervolles wird erreicht