Die mit der himmlischen verwechselte Welt-Music...

Benjamin Neukirch

1695

Nachdem des glückes ball/ der liebe gauckel-spiel/ Princeßin Anna/ ward aus Engelland vertrieben/ Weil könig Heinrich nicht ihr wesen konte lieben/ Und seiner alten haut ihr marmel mißgefiel; Riß das betrübte kind den wechsel ihres orden/ Der ihr vor sonnenschein nun drachen-blicke gab/ Vor grosser hertzens-angst in einer lauten ab/ Mit dieser überschrifft: Sie ist zu thränen worden.

Wer heute noch den thon der sterbligkeit erreicht/ Wird wie taranteln auch leicht in den adern fühlen/ Daß unser gantzes thun nur süssen saiten-spielen/ Und unser glücke sich mit schwachen lauten gleicht. Denn wenn die saiten offt am allerhellsten klingen/ So wird das gantze spiel durch einen bruch verrückt; So/ wenn den sterblichen der freuden anfang glückt/ Muß offt das ende nichts als schwere thränen bringen.

Wir fangen schon die lust in kinder-röcken an/ Und wissen weder maaß noch grentzen auszusetzen; Wenn bald ein apffel uns/ bald zucker mehr ergetzen/ Als affen honigseim im hunger trösten kan. Die erste stimmung sind die lustigen geberden/ Das lachen aber ist das wahre saiten-spiel; Doch wenn die mutter uns das gringste nehmen will/ So sieht man spiel und lust zu saltz und thränen werden.

Mit zeit und alter wächst auch die ergetzligkeit/ Wie farben mit der frucht und schatten mit den zweigen/ Der läst sein hochmuths-lied biß an die wolcken steigen/ Ein ander wird durch gold- und silber-klang erfreut; Doch/ weil man ohne tact das beste lied verderben/ Mit vielem klange nur die ohren schwächen kan; Was wunder ist es denn/ daß aberwitz und wahn/ Nach unterbrochner lust/ auch saure thränen erben?

Die schönste stimmung ist/ die nach der liebe klingt/ Was aber muß auch hier vor lange zeit verschwinden/ Eh man den rechten thon der hertzen lernt ergründen/ Und alle regungen in reine noten bringt? Ja wenn auch mann und weib wie der magnet mit norden/ In ihrer liebe gleich/ und beyde stimmig seyn: So stellt der blasse tod das gantze spielen ein/ Und schreibt auff ihre lust: sie ist zu thränen worden.

Mein Herr/ sein liebster schatz/ der auff der bahre liegt/ Und stets mit seiner brust ein gleicher thon gewesen/ Läst hier die sichre welt am allerbesten lesen/ Was lieb und lauten-spiel vor harte brüche kriegt. Ihr hertze wolte gleich mit neuer stimme fliessen/ Und durch ein süsses pfand sein glücke recht erhöhn/ So heist der himmel sie im spielen stille stehn/ Und ihn sein liebes-lied mit heissen thränen schliessen.

Was flößt/ betrübter/ wohl mehr gall und wermuth ein? Was aber kan uns auch mehr licht und anlaß geben/ Wie man auff erden schon zum himmel sich erheben/ Und unsre seele soll der engel lustspiel seyn? Denn was hier weltlich klingt/ muß wie die welt verderben; Wer aber hertz und brust nach Gottes wesen stimmt/ Der kan/ wenn alles gleich in saltze fast zerschwimmt/ Bey seinem spielen doch noch ohne thränen sterben.

Und dieses eben hat die selige bedacht; Wenn sie/ wie Memnons bild die stimme von der sonnen/ Der freuden hellen thon von Gottes licht gewonnen/ Und ihm als nachtigall ein täglich opffer bracht: Wenn sie/ wie Augustin/ die augen ihr verbunden/ Die geile hinderniß der erden abgeschafft/ Und aus der andacht offt mehr honig-reiche krafft/ Als ein verliebtes ohr aus harffen-klang empfunden.

Der abgesagte feind der frommen unter-welt/ Floh ihren schwan-gesang wie crocodile flöten/ Den eyfer wuste sie mit schöner art zu tödten/ Der wollust süsser thon hat nie ihr hertz gefällt. Drum tritt sie voller glantz nun in den himmels-orden/ Da sie der engel hand mit neuer lust erfreut/ Und auff das bittre saltz der alten traurigkeit/ Die göldnen worte schreibt: Sie ist zu zucker worden.

Ists so/ betrübtester/ so weint er ohne recht; Denn kont’ ihr liebes-klang auff erden ihn ergetzen/ Wie kan ihr wechsel ihn denn itzt in trauren setzen/ Da Gott nur seine lust zu ihrem nutzen schwächt? Ein Christ muß schmertz und leid wie dornen lernen fühlen/ Mehr auff der rosen werth als ihre stachel sehn/ Und dencken/ daß kein weh denselben kan geschehn/ Die durch die thränen sich hier in den himmel spielen.

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Illustration zu Die mit der himmlischen verwechselte Welt-Music...

Interpretation

Das Gedicht "Die mit der himmlischen verwechselte Welt-Music..." von Benjamin Neukirch behandelt die Vergänglichkeit des irdischen Glücks und die ewige Natur der himmlischen Liebe. Es beginnt mit der tragischen Geschichte von Prinzessin Anna, die aus England verbannt wurde, weil König Heinrich sie nicht lieben konnte. Dieses Beispiel illustriert, wie schnell sich das Glück in Trauer verwandeln kann. Im weiteren Verlauf des Gedichts wird die Welt als ein Spiel von Saiten beschrieben, das oft durch Brüche gestört wird. Die menschliche Existenz wird als eine Reihe von Freuden und Leiden dargestellt, die sich wie Musiknoten anhören. Die schönste Stimmung ist die, die nach der Liebe klingt, aber auch diese ist vergänglich und endet oft in Tränen. Das Gedicht schließt mit der Vorstellung, dass die Seele, die nach Gottes Wesen gestimmt ist, selbst inmitten des Salzes der irdischen Traurigkeit ohne Tränen sterben kann. Es betont die Wichtigkeit, sich auf das Himmlische zu konzentrieren und die irdischen Leiden als notwendige Schritte auf dem Weg zum Himmel zu betrachten.

Schlüsselwörter

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Stilmittel

Metapher
Die durch die thränen sich hier in den himmel spielen
Personifikation
Weil könig Heinrich nicht ihr wesen konte lieben