Die menschliche Gesellschaft

Friedrich Hebbel

1813

Wenn du verkörpert wärst zu einem Leibe, Mit allen deinen Satzungen und Rechten, Die das Lebendig-Freie schamlos knechten, Damit dem Toten diese Welt verbleibe;

Die gottverflucht in höllischem Getreibe, Die Sünden selbst erzeugen, die sie ächten, Und auf das Rad den Reformator flechten, Daß er die alten Ketten nicht zerreibe:

Da dürfte dir das schlimmste deiner Glieder, Keck, wie es wollte, in die Augen schauen, Du müßtest ganz gewiß vor ihm erröten!

Der Räuber braucht die Faust nur hin und wieder, Der Mörder treibt sein Werk nicht ohne Grauen, Du hast das Amt, zu rauben und zu töten.

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Interpretation

Das Gedicht "Die menschliche Gesellschaft" von Friedrich Hebbel kritisiert scharf die Widersprüche und moralischen Verfehlungen der menschlichen Gesellschaft. Hebbel vergleicht die Gesellschaft mit einem monströsen Körper, der seine eigenen Gesetze und Rechte verkörpert, um das Lebendige und Freie zu knechten und das Tote zu bewahren. Dieser Körper erzeugt selbst die Sünden, die er ächtet, und bestraft diejenigen, die Reformen anstreben, um die alten Ketten zu zerreißen. Die Gesellschaft wird als ein gottverfluchtes Wesen dargestellt, das in einem höllischen Getriebe gefangen ist. Sie ist in der Lage, Reformator*innen zu verfolgen und zu bestrafen, die versuchen, Veränderungen herbeizuführen. Hebbel verdeutlicht, dass die Gesellschaft selbst die schlimmsten Taten begeht, indem sie das Amt hat, zu rauben und zu töten. Der Dichter stellt die Gesellschaft als ein Wesen dar, das vor seinen eigenen Gliedern, die ihre Freiheit und Kühnheit ausleben, erröten müsste. Die abschließenden Zeilen des Gedichts verdeutlichen die moralische Verkommenheit der Gesellschaft. Während ein Räuber nur gelegentlich seine Faust einsetzen muss und ein Mörder nicht ohne Grauen handelt, hat die Gesellschaft die Aufgabe, zu rauben und zu töten. Hebbel wirft der Gesellschaft vor, dass sie nicht nur gelegentlich Verbrechen begeht, sondern dass ihr ganzes Dasein darauf ausgerichtet ist, anderen Schaden zuzufügen. Das Gedicht ist eine scharfe Anklage gegen die Heuchelei und die moralische Verderbtheit der menschlichen Gesellschaft.

Schlüsselwörter

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Stilmittel

Hyperbel
Die das Lebendig-Freie schamlos knechten
Metapher
Du hast das Amt, zu rauben und zu töten
Personifikation
Mit allen deinen Satzungen und Rechten