Die Menschen stehen vorwärts in den Straßen
1911Die Menschen stehen vorwärts in den Straßen Und sehen auf die großen Himmelszeichen, Wo die Kometen mit den Feuernasen Um die gezackten Türme drohend schleichen.
Und alle Dächer sind voll Sternedeuter, Die in den Himmel stecken große Röhren. Und Zaubrer, wachsend aus den Bodenlöchern, In Dunkel schräg, die einen Stern beschwören.
Krankheit und Mißwachs durch die Tore kriechen In schwarzen Tüchern. Und die Betten tragen Das Wälzen und das Jammern vieler Siechen, Und welche rennen mit den Totenschragen.
Selbstmörder gehen nachts in großen Horden, Die suchen vor sich ihr verlornes Wesen, Gebückt in Süd und West, und Ost und Norden, Den Staub zerfegend mit den Armen-Besen.
Sie sind wie Staub, der hält noch eine Weile, Die Haare fallen schon auf ihren Wegen, Sie springen, daß sie sterben, ′nun′ in Eile, Und sind mit totem Haupt im Feld gelegen.
Noch manchmal zappelnd. Und der Felder Tiere Stehn um sie blind, und stoßen mit dem Horne In ihren Bauch. Sie strecken alle viere Begraben unter Salbei und dem Dorne.
[Das Jahr ist tot und leer von seinen Winden, Das wie ein Mantel hängt voll Wassertriefen, Und ewig Wetter, die sich klagend winden Aus Tiefen wolkig wieder zu den Tiefen.]
Die Meere aber stocken. In den Wogen Die Schiffe hängen modernd und verdrossen, Zerstreut, und keine Strömung wird gezogen Und aller Himmel Höfe sind verschlossen.
Die Bäume wechseln nicht die Zeiten Und bleiben ewig tot in ihrem Ende Und über die verfallnen Wege spreiten Sie hölzern ihre langen Finger-Hände.
Wer stirbt, der setzt sich auf, sich zu erheben, Und eben hat er noch ein Wort gesprochen. Auf einmal ist er fort. Wo ist sein Leben? Und seine Augen sind wie Glas zerbrochen.
Schatten sind viele. Trübe und verborgen. Und Träume, die an stummen Türen schleifen, Und der erwacht, bedrückt von andern Morgen, Muß schweren Schlaf von grauen Lidern streifen.
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Interpretation
Das Gedicht "Die Menschen stehen vorwärts in den Straßen" von Georg Heym ist eine düstere und apokalyptische Vision einer Welt, die von Tod, Krankheit und Verzweiflung heimgesucht wird. Die Atmosphäre ist von einer unheilvollen Stimmung durchdrungen, die sich in den Himmelszeichen, den Kometen und den Sternendeutern widerspiegelt. Die Menschen sind von Angst und Schrecken erfüllt, während sie den drohenden Zeichen am Himmel gegenüberstehen. Die zweite Strophe beschreibt die Ausbreitung von Krankheit und Tod in der Stadt. Schwarze Tücher und Totenschragen symbolisieren die Trauer und das Leid, das die Menschen erfassen. Die Selbstmörder, die in großen Horden durch die Nacht ziehen, suchen verzweifelt nach ihrem verlorenen Selbst und finden schließlich den Tod auf den Feldern. Die Tiere, blind und grausam, stoßen mit ihren Hörnern in die Bauche der Toten. Das Gedicht endet mit einer Beschreibung einer Welt, die in einen Zustand des Stillstands und des Verfalls übergegangen ist. Die Meere stocken, die Bäume bleiben ewig tot, und die Menschen, die sterben, setzen sich noch einmal auf, um sich zu erheben, bevor sie plötzlich verschwinden. Schatten und Träume durchdringen die Atmosphäre, und der Erwachende muss schweren Schlaf von seinen grauen Lidern streifen. Insgesamt vermittelt das Gedicht eine tiefgreifende Verzweiflung und Hoffnungslosigkeit angesichts des unausweichlichen Todes und des Verfalls.
Schlüsselwörter
Wortwolke

Stilmittel
- Alliteration
- Krankheit und Mißwachs durch die Tore kriechen
- Bildsprache
- Träume, die an stummen Türen schleifen
- Hyperbel
- Zaubrer wachsen aus den Bodenlöchern
- Kontrast
- Das Wälzen und Jammern vieler Siechen
- Metapher
- Augen sind wie Glas zerbrochen
- Personifikation
- Die Bäume wechseln nicht die Zeiten
- Symbolik
- Salbei und Dorn als Symbole des Todes
- Synästhesie
- Wasser triefend wie ein Mantel