Die Mauer der Erschossenen
1893Wie aus dem Leib des heiligen Sebastian, Dem tausend Pfeile tausend Wunden schlugen, So Wunden brachen aus Gestein und Fugen, Seit in den Sand ihr Blut verlöschend rann.
Vor Schrei und Aufschrei krümmte sich die Wand, Vor Weibern, die mit angestoßnen Knien “Herzschuß!” flehten, Vor Männern, die getroffen sich wie Kreisel drehten, Vor Knaben, die um Gnade weinten mit zerbrochner Hand.
Da solches Morden raste durch die Tage, Da Erde wurde zu bespienem Schoß, Da trunkenes Gelächter kollerte von Bajonetten,
Da Gott sich blendete und arm ward, nackt und bloß, Sah man die schmerzensreiche Wand in großer Klage Die toten Menschenleiber an ihre steinern Herze betten.
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Interpretation
Das Gedicht "Die Mauer der Erschossenen" von Ernst Toller beschreibt die Schrecken und das Leid, das durch Gewalt und Krieg entsteht. Die Mauer wird als ein lebendiges Wesen dargestellt, das die Wunden der Erschossenen aufnimmt und ihr Leiden spürt. Im ersten Teil des Gedichts wird die Mauer mit dem heiligen Sebastian verglichen, der von Pfeilen durchbohrt wurde. Die Wunden an der Mauer entstehen durch das Blut der Erschossenen, das in den Sand rinnt. Die Mauer krümmt sich vor den Schreien und Flehen der Opfer, vor den Männern, die sich wie Kreisel drehen, und den Knaben, die um Gnade weinen. Im zweiten Teil des Gedichts wird die Intensität des Mordens und der Zerstörung betont. Die Erde wird zu einem Schoß, der mit Blut besprenkelt ist. Das Gelächter der Betrunkenen hallt wider, während Gott blind und arm wird. Die Mauer wird als ein schmerzhaftes Wesen dargestellt, das die toten Körper an sein steinernes Herz drückt. Insgesamt vermittelt das Gedicht eine tiefe Trauer und Bestürzung über die Gräuel des Krieges und die Auswirkungen auf die Opfer und die Umgebung. Die Mauer symbolisiert dabei die Zeugenschaft und das Leiden, das durch Gewalt entsteht.
Schlüsselwörter
Wortwolke

Stilmittel
- Alliteration
- Vor Männern, die getroffen sich wie Kreisel drehten
- Hyperbel
- Da Erde wurde zu bespienem Schoß
- Metapher
- Da Gott sich blendete und arm ward, nackt und bloß
- Onomatopoesie
- Da trunkenes Gelächter kollerte von Bajonetten
- Personifikation
- Sah man die schmerzensreiche Wand in großer Klage
- Vergleich
- So Wunden brachen aus Gestein und Fugen