Die Macht des Gesanges

Friedrich von Schiller

1795

Ein Regenstrom aus Felsenrissen, Er kommt mit Donners Ungestüm, Bergtrümmer folgen seinen Güssen, Und Eichen stürzen unter ihm; Erstaunt mit wolllustvollem Grausen, Hört ihn der Wanderer und lauscht, Er hört die Flut vom Felsen brausen, Doch weiß er nicht, woher sie rauscht: So strömend es Gesanges Wellen Hervor aus nie entdeckten Quellen.

Verbündet mit den furchtbarn Wesen, Die still des Lebens Faden drehn, Wer kann des Sängers Zauber lösen, Wer seinen Tönen widerstehn? Wie mit dem Stab des Götterboten Beherrscht er das bewegte Herz, Er taucht es in das Reich der Toten, Er hebt es staunend himmelwärts, Und wiegt es zwischen Ernst und Spiele Auf schwanker Leiter der Gefühle.

Wie wenn auf einmal in die Kreise Der Freude, mit Gigantenschritt, Geheimnisvoll nach Geisterweise, Ein ungeheures Schicksal tritt; Da beugt sich jede Erdengröße Dem Fremdling aus der andern Welt, Des Jubels nichtiges Getöse Verstummt, und jede Larve fällt, Und vor der Wahrheit mächt′gem Siege Verschwindet jedes Werk der Lüge:

So rafft von jeder eiteln Bürde, Wenn des Gesanges Ruf erschallt, Der Mensch sich auf zur Geisterwürde Und tritt in heilige Gewalt; Den hohen Göttern ist er eigen, Ihm darf nichts Irdisches sich nahn, Und jede andre Macht muss schweigen, Und kein Verhängnis fällt ihn an; Es schwinden jedes Kummers Falten, Solang des Leides Zauber walten.

Und wie nach hoffnungslosem Sehnen, Nach langer Trennung bitterm Schmerz, Ein Kind mit heißen Reuetränen Sich stürzt an seiner Mutter Herz: So führt zu seiner Jugend Hütten, Zu seiner Unschuld reinem Glück, Vom fernen Ausland fremder Sitten Den Flüchtling der Gesang zurück, In der Natur getreuen Armen Von kalten Regeln zu erwarmen.

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Illustration zu Die Macht des Gesanges

Interpretation

Das Gedicht "Die Macht des Gesanges" von Friedrich von Schiller thematisiert die immense Kraft und den Einfluss der Musik auf den Menschen. Schiller vergleicht den Gesang mit einem mächtigen Fluss, der aus unbekannten Quellen entspringt und mit unwiderstehlicher Gewalt daherkommt. Wie ein Wanderer fasziniert dem Brausen des Wassers lauscht, so ist der Mensch von den Wellen des Gesanges ergriffen, ohne deren Ursprung zu kennen. Der Dichter preist die Fähigkeit des Sängers, mit seinen Tönen die Herzen der Menschen zu bewegen und zu beherrschen. Wie der Stab des Götterboten hat der Gesang die Macht, die Seele in die Tiefen der Unterwelt zu tauchen oder sie staunend in himmlische Höhen zu heben. Er wiegt die Gefühle zwischen Ernst und Spiel, Leichtigkeit und Schwere. Schiller verdeutlicht die überirdische Macht des Gesanges, indem er ihn mit einem geheimnisvollen Schicksal vergleicht, das plötzlich in den Kreis der Freude tritt. Vor dieser gewaltigen Kraft beugen sich selbst die größten irdischen Mächte. Das Getöse des Jubels verstummt, alle Masken fallen, und die Wahrheit triumphiert über alle Lüge. Der Gesang erhebt den Menschen zu geistiger Würde und versetzt ihn in einen heiligen Zustand, in dem er den Göttern nahe ist und von nichts Irdisches berührt werden darf. Solange der Zauber des Gesanges waltet, schwinden alle Sorgen und Kümmernisse. Zum Schluss beschreibt Schiller, wie der Gesang den Menschen in seine unschuldige Jugend und die vertraute Natur zurückführt, weg von den kalten Regeln der fremden Sitten. Wie ein Kind, das nach langer Trennung weinend in die Arme seiner Mutter zurückkehrt, führt der Gesang den Flüchtling zurück zu seinem Ursprung und wärmt ihn in den treuen Armen der Natur.

Schlüsselwörter

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Stilmittel

Metapher
Von kalten Regeln zu erwarmen
Personifikation
Es schwinden jedes Kummers Falten
Vergleich
So führt zu seiner Jugend Hütten