Die Macht der Musik
1909An einem Maitag, weit von Haus, Lag ich im Fenster schon hinaus Des Morgens früh um viere. Still träumt die Stadt, kein Hund ist wach, Kein Rauch umkräuselt traut das Dach, Noch schlafen Mensch und Tiere.
Auf einmal, unter mir vorbei, Ging eine kleine Küchenfei, Ein Kind von acht, neun Jahren. Sie sieht mich nicht - dsching, tut und quiek, Klingt her die Regimentsmusik Im Schritt der Janitscharen.
Das Mädel stutzt. Der Korb am Arm Faßt Eier, Wurst und andern Kram: Mais, Reis und Pomeranzen. Da gehts nicht mehr, sie setzt ihn hin, Und nur zu tanzen ist ihr Sinn, Und sie fängt an zu tanzen.
Fern die Musik, klingklang rumbum; Sie tanzt und tanzt, rechtsum, linksum, Reizend, wie Engel schweben. Her, hin und her, sie ist allein, Umblitzt vom ersten Sonnenschein, Dem Trieb ganz hingegeben.
Mal kratzt sie sich den krausen Kopf, Der Spatz machts so mit seinem Schopf, Das tut sie nicht anfechten. Doch plötzlich hört der Taumel auf, Sie nimmt den Korb, setzt sich in Lauf, Es fliegen ihre Flechten.
Hin zur Musik! Sie läuft, sie rennt, Nur zu, nur fort, als wenn sie brennt, Was sinds für Firlefanzen! Die Wurst im Korb macht hoppsasa, Die Eier hüpfen hopplala, Und auch die Pomeranzen.
Wer weiß, wo jener Tanzplatz war: In Kiel, in Rom, in Sansibar, In Siebenbürgen, China? Der Reim auf China liegt nicht fern: Im Leben denk ich immer gern Der kleinen Ballerina.
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Interpretation
Das Gedicht "Die Macht der Musik" von Detlev von Liliencron erzählt von der tiefen Wirkung von Musik auf den Menschen, besonders auf ein junges Mädchen, das durch die Klänge der Regimentsmusik in einen unwiderstehlichen Tanzrausch versetzt wird. Das Gedicht beginnt mit einer ruhigen, fast schlafenden Stadt, die durch die Musik plötzlich zum Leben erweckt wird. Die Musik wird als eine mächtige Kraft dargestellt, die das Mädchen aus seiner Alltagsroutine reißt und es in einen Zustand der Ekstase versetzt. Das Mädchen, das zunächst mit einem Korb voller Lebensmittel unterwegs ist, wird von der Musik so sehr ergriffen, dass sie alles stehen und liegen lässt, um zu tanzen. Ihre Bewegungen werden als engelsgleich beschrieben, was die Reinheit und Unschuld ihrer Reaktion auf die Musik unterstreicht. Die Musik dient hier als Katalysator für eine spontane, freudige Befreiung aus den Zwängen des Alltags. Das Gedicht endet mit einer Reflexion über die universelle Natur dieser Erfahrung. Der Dichter spekuliert über den Ort des Tanzes und deutet an, dass solche Momente der musikalischen Ekstase überall auf der Welt möglich sind. Die Erinnerung an das "kleine Ballerina" bleibt dem Dichter als ein schönes Beispiel für die transformative Kraft der Musik im Gedächtnis.
Schlüsselwörter
Wortwolke

Stilmittel
- Alliteration
- Mais, Reis und Pomeranzen
- Anapher
- Sie tanzt und tanzt, rechtsum, linksum
- Bildsprache
- Auf einmal, unter mir vorbei
- Enjambement
- Der Korb am Arm / Faßt Eier, Wurst und andern Kram
- Metapher
- Als wenn sie brennt
- Personifikation
- Still träumt die Stadt
- Reimschema
- A-A-B-B, C-C-D-D, etc.
- Vergleich
- Reizend, wie Engel schweben