Die Löwenbraut
1781Mit der Myrte geschmückt und dem Brautgeschmeid, Des Wärters Tochter, die rosige Maid, Tritt ein in den Zwinger des Löwen; er liegt Der Herrin zu Füßen, vor der er sich schmiegt.
Der Gewaltige, wild und unbändig zuvor, Schaut fromm und verständig zur Herrin empor; Die Jungfrau, zart und wonnereich, Liebstreichelt ihn sanft und weinet zugleich:
“Wir waren in Tagen, die nicht mehr sind, Gar treue Gespielen wie Kind und Kind, Und hatten uns lieb, und hatten uns gern; Die Tage der Kindheit, sie liegen uns fern.
Du schütteltest machtvoll, eh wir’s geglaubt, Dein mähnen-umwogtes, königlich Haupt; Ich wuchs heran, du siehst es, ich bin Das Kind nicht mehr mit kindischem Sinn.
O wär ich das Kind noch und bliebe bei dir, Mein starkes, getreues, mein redliches Tier; Ich aber muß folgen, sie taten’s mir an, Hinaus in die Fremde dem fremden Mann.
Es fiel ihm ein, daß schön ich sei, Ich wurde gefreiet, es ist nun vorbei; - Der Kranz im Haare, mein guter Gesell, Und nicht vor Tränen die Blicke mehr hell.
Verstehst du mich ganz? schaust grimmig dazu; Ich bin ja gefaßt, sei ruhig auch du; Dort seh ich ihn kommen, dem folgen ich muß, So geb ich denn, Freund, dir den letzten Kuß!”
Und wie ihn die Lippe des Mädchens berührt, Da hat man den Zwinger erzittern gespürt; Und wie er am Gitter den Jüngling erschaut, Erfaßt Entsetzen die bangende Braut.
Er stellt an die Tür sich des Zwingers zur Wacht, Er schwinget den Schweif, er brüllet mit Macht; Sie flehend, gebietend und drohend begehrt Hinaus; er im Zorn den Ausgang wehrt.
Und draußen erhebt sich verworren Geschrei, Der Jüngling ruft: “Bringt Waffen herbei; Ich schieß ihn nieder, ich treff ihn gut!” Auf brüllt der Gereizte, schäumend vor Wut.
Die Unselige wagt’s, sich der Türe zu nahn, Da fällt er verwandelt die Herrin an; Die schöne Gestalt, ein gräßlicher Raub, Liegt blutig, zerrissen, entstellt in dem Staub.
Und wie er vergossen das teure Blut, Er legt sich zur Leiche mit finsterem Mut, Er liegt so versunken in Trauer und Schmerz, Bis tödtlich die Kugel ihn trifft in das Herz.
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Interpretation
Das Gedicht "Die Löwenbraut" von Adelbert von Chamisso erzählt die tragische Geschichte einer jungen Frau, die zwischen ihrer Liebe zu einem Löwen und ihrer Pflicht gegenüber einem ihr zugewiesenen Bräutigam hin- und hergerissen ist. Die Löwenbraut, die Tochter eines Wärters, ist mit Myrten geschmückt und tritt in den Zwinger des Löwen, der ihr zu Füßen liegt und ihr seine Unterwürfigkeit zeigt. Doch die Braut ist traurig und weint, denn sie muss den Löwen verlassen und einem fremden Mann folgen, der sie freit und heiraten wird. Die Löwenbraut erinnert sich an ihre gemeinsame Kindheit mit dem Löwen, in der sie treue Gespielen waren. Doch nun ist sie erwachsen geworden und muss ihre kindliche Unschuld und Freiheit aufgeben. Sie sehnt sich danach, noch ein Kind zu sein und bei dem Löwen zu bleiben, ihrem starken, treuen und redlichen Tier. Doch sie wird gezwungen, den Löwen zu verlassen und dem fremden Mann zu folgen, der sie freit und heiraten wird. Die Braut gibt dem Löwen einen letzten Kuss, bevor sie geht, doch der Löwe erkennt die Situation und greift sie an, als sie sich der Tür nähert. Die schöne Gestalt der Löwenbraut liegt blutig, zerrissen und entstellt im Staub. Der Löwe, der das Blut seiner Herrin vergossen hat, legt sich zur Leiche mit finsterem Mut und liegt so versunken in Trauer und Schmerz, bis eine tödliche Kugel ihn in das Herz trifft. Das Gedicht endet mit dem tragischen Tod beider, der Löwenbraut und des Löwen, die durch die Umstände und die gesellschaftlichen Erwartungen voneinander getrennt wurden.
Schlüsselwörter
Wortwolke

Stilmittel
- Alliteration
- Des Wärters Tochter, die rosige Maid
- Anspielung
- Die Tage der Kindheit, sie liegen uns fern
- Bildsprache
- Liegt blutig, zerrissen, entstellt in dem Staub
- Enjambement
- Tritt ein in den Zwinger des Löwen; er liegt / Der Herrin zu Füßen, vor der er sich schmiegt.
- Hyperbel
- Du schütteltest machtvoll, eh wir's geglaubt
- Ironie
- Ich bin ja gefaßt, sei ruhig auch du
- Kontrast
- Der Gewaltige, wild und unbändig zuvor, / Schaut fromm und verständig zur Herrin empor
- Metapher
- Es fiel ihm ein, daß schön ich sei
- Personifikation
- Da fällt er verwandelt die Herrin an
- Symbolik
- Die Myrte
- Vergleich
- Wir waren in Tagen, die nicht mehr sind, / Gar treue Gespielen wie Kind und Kind