Die Linden von Zellerburg

Hanns von Gumppenberg

1866

Alte Linden hier im grünen Grunde, Mächtige! in euern Schattenbann Trete recht mit Ehrfurcht ich heran, Wie ein Knecht in eine Fürstenrunde.

Stärker als wir flüchtig stolzen Wichte Gebt ihr schon dreihundert Jahre lang Eure feste Form dem Lebensdrang, Der aus dunklen Tiefen will zum Lichte.

Goldne Blüten, Früchte muß er tragen Von der Art, die euern Stamm erfreut: Dauernd so zu frischer Pracht erneut Steht ihr heute wie in alten Tagen.

Und durch euer jüngstes Ehrenkleid Rauscht die Weisheit, die ihr still erworben, Rauscht Gedächtnis dessen, was erstorben Rings um euch im Wechselsturm der Zeit.

Auch wenn mich der Herbst von hinnen nahm, Werdet ihr noch ungebrochen dauern, Wird durch euer Laub das Schicksal schauern Eines Wandrers, der einst zu euch kam:

Der wie ihr die reiche Lebensflut In sein eignes Fühlen fassen wollte, Der geformt, soviel er formen sollte, Und nun tief von Lust und Mühen ruht.

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Illustration zu Die Linden von Zellerburg

Interpretation

Das Gedicht "Die Linden von Zellerburg" von Hanns von Gumppenberg ist eine ehrfürchtige Hommage an die Beständigkeit und Weisheit der Natur, verkörpert durch alte Linden. Der Sprecher nähert sich den Bäumen mit tiefem Respekt, vergleichbar mit einem Untergebenen, der sich einer Fürstenrunde nähert. Die Linden werden als mächtige, schattenspendende Wesen dargestellt, die seit dreihundert Jahren ihre feste Form dem Lebensdrang geben, der aus der Dunkelheit zum Licht strebt. Sie tragen goldene Blüten und Früchte, die ihre Stämme erfreuen, und erneuern sich ständig zu frischer Pracht. Die Bäume sind Träger von Weisheit und Erinnerung an das Vergangene, das rings um sie im Wechselsturm der Zeit vergangen ist. Der Sprecher reflektiert über seine eigene Vergänglichkeit und die Beständigkeit der Linden, die auch nach seinem Tod weiterbestehen werden. Das Schicksal eines Wanderers, der einst zu ihnen kam, wird durch ihr Laub gehaucht. Dieser Wanderer, der wie die Bäume die reiche Lebensflut in sein eigenes Fühlen fassen wollte, hat geformt, soweit er formen sollte, und ruht nun tief von Lust und Mühen. Das Gedicht vermittelt eine tiefe Verbundenheit zwischen Mensch und Natur, wobei die Bäume als zeitlose Zeugen und Hüter von Weisheit und Erinnerung dienen. Der Sprecher erkennt seine eigene Vergänglichkeit im Angesicht der Beständigkeit der Natur und findet Trost in der Vorstellung, dass die Bäume auch nach seinem Tod weiterleben und ihre Weisheit an zukünftige Generationen weitergeben werden. Die Linden werden zu Symbolen für die Ewigkeit und die unaufhaltsame Kraft des Lebens, die den Wechsel der Zeit überdauert.

Schlüsselwörter

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Stilmittel

Metapher
Und nun tief von Lust und Mühen ruht
Personifikation
Der wie ihr die reiche Lebensflut In sein eignes Fühlen fassen wollte