Die Linde
1787Warst so schön, breitwipflichter Baum, Als dir schwollen die Knospen, Als du Blüthendüfte verhauchtest; Warst so schön!
Dich umsummt′ im Lenzabend der Käfer, Geflügelte Ameisen schwärmten Wie Mittagswölkchen, die die Sonne Versilbert, um deinen Blüthenzweig.
Die Blüthe fiel; da warst du grün Und stärktest mein Auge, Das ans falsche Dunkel meines Kerkers Gewöhnt, blinzt′ im Sonnenstrahl.
Und nun bist du halbnackt; Der Herbststurm blies um deinen Scheitel, Und deinen Schmuck; die goldnen Blätter Wälzt nun wogend der Odem des Sturms.
Die schwarzen Aeste starren traurend, Ihrer Decke beraubt, in die Luft. Dich flieht der Sperling, denn du bist Ihm nicht mehr Hülle gegen den Sperber.
Einst knospete ich, o Linde! Schöner, als du. Trug Blüthen Des Knaben, des Jünglings, die süßer Dufteten, als du im Frühlingsschmuck.
Meine geringelten Seidenlocken Waren schöner, als dein grünes Haar. Schöner, als deines Finken und Distelvogels, Scholl mein Gesang und Flügelspiel.
Ich war ein Mann, breitwipflicht Und lieblich im Sonnenstrahl spielend. Meines Geistes Fittig deckte die Meinen, - Wie dein schattender Wipfel den Pilger.
Aber ach! mein Herbst ist gekommen; So früh ist schon mein Herbst gekommen! Das Schicksal blies mit kaltem stürmendem Odem; Und meine Blätter fielen.
Heiser ist mein Gesang; Die geflügelte Rechte lahmt Auf den braunen Tasten Des goldnen Saitenspiels.
Meine Phantasie, der Riese, Zuckt ausgestreckt, wie ein Geripp′ Im Staube. Mein Witz, die Rose, Liegt entblättert, zerknickt.
Fern ist meine Liebe; Meine Kinder sind ferne; - Der schwarze, starre, enthaarte Ast Vermag nicht mehr zu schatten die Lieben!
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Interpretation
Das Gedicht "Die Linde" von Christian Friedrich Daniel Schubart handelt von der Vergänglichkeit des Lebens und der Schönheit. Der Sprecher vergleicht sich selbst mit einer Linde, die im Laufe der Jahreszeiten ihre Blüten und Blätter verliert. Die Linde wird als Symbol für die Jugend und Schönheit des Sprechers verwendet, die im Laufe der Zeit verblassen. Der erste Teil des Gedichts beschreibt die Pracht der Linde in ihrer Blütezeit. Sie ist voller Leben und zieht Insekten an. Der Sprecher erinnert sich an die Zeit, als er selbst jung und voller Energie war. Er vergleicht seine Locken mit den grünen Blättern der Linde und seinen Gesang mit dem der Vögel. Im zweiten Teil des Gedichts wird die Linde als Symbol für das Altern des Sprechers verwendet. Der Herbststurm hat die Blätter der Linde weggeblasen und sie ist nun kahl. Der Sprecher fühlt sich ähnlich wie die Linde, da auch er seine Jugend und Schönheit verloren hat. Er beschreibt, wie seine Phantasie und sein Witz, die einst so lebendig waren, nun stumpf und leblos geworden sind. Der Sprecher ist einsam und sehnt sich nach seiner verlorenen Liebe und seinen Kindern.
Schlüsselwörter
Wortwolke

Stilmittel
- Metapher
- Mein Witz, die Rose
- Personifikation
- Der schwarze, starre, enthaarte Ast Vermag nicht mehr zu schatten die Lieben
- Vergleich
- Wie ein Geripp' Im Staube