Die Liebesthat
1895Dürftig das Dörfchen, dürftig das Feld, ein einsamer Baum drauf Wache hält.
Nie hielten sich Zwei in seinem Schatten umpreßt, nie baute ein Vöglein bei ihm sein Nest.
Auf steinigem Grund lag die Wurzel krank und wußte dem Dasein wenig Dank.
Es zogen Lenze auf Lenze vorbei, doch den kranken Baum verschönte kein Mai.
Das bläßliche Haupt zur Erde gesenkt, glich er dem Bettler, der an sein Elend denkt. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Da, eines Abends wars zur Frühlingszeit, kam langsam übern Weg ein junger Mensch, mit Augen weit und voller Herrlichkeit.
Er sah das öde Feld, den Baum, den kranken, die Zweige, die so ärmlich dürr und nackt, und sann, von einem strahlenden Gedanken, von einer göttlichen Idee gepackt. Der Baum sah still den Mann vorübergehen.
Und einmal nahten viele, viele Menschen, und drängten heimlich staunend sich um ihn, als wär ein hohes Wunder hier geschehen.
Und rührige Hände spendeten ihm Trank, und lockerten das Erdreich um ihn her, und gruben, hackten, bis er glatt und schlank.
Der Baum, erschüttert bis ins tiefste Mark, sah selig staunend diese fremden Gäste, er fühlte Sich mit einemmale stark, und streckte, dehnte seine hagern Äste.
Vor Freude ward er blühend … Eines Morgens erlebte er das schönste Frühlingsfest: Zwei Vöglein drangen in sein dichtes Laub, und bauten sich an seiner Brust ihr Nest.
Weit in die Winde seine Flocken streuend, daß alle, die ihn sahn, vor Freude lachten, besann er sich: wie ward mir solches Heil, mir, dem Verkümmerten, mir, dem Verachten?
Ein heilig Dichterauge, weich und stolz, hat dich erblickt und Wunder sprießen lassen, o Baum, aus deinem halbverdorrten Holz!
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Interpretation
Das Gedicht "Die Liebesthat" von Maria Janitschek erzählt die Geschichte eines kranken und vernachlässigten Baumes in einem armen Dorf. Der Baum steht einsam und ungeliebt da, seine Wurzeln sind krank und er erhält keine Pflege. Die Jahre vergehen, doch der Baum bleibt krank und verlassen. Eines Tages kommt ein junger Mann vorbei und erblickt den Baum. Von einer göttlichen Idee beseelt, kehrt er mit vielen Menschen zurück, um dem Baum zu helfen. Sie spenden ihm Wasser, lockern die Erde und pflegen ihn, bis er kräftig und gesund wird. Der Baum ist überwältigt von dieser Liebe und Fürsorge und beginnt zu blühen. Schließlich bauen sich zwei Vögel ein Nest in seinen Ästen, was ihm große Freude bereitet. Der Baum fragt sich, wie ihm dieses Glück widerfahren konnte, nachdem er so lange verachtet und vernachlässigt war. Die Antwort liegt in der "heiligen Dichteraugen", die ihn erblickt und durch ihre Liebe und Fürsorge Wunder an ihm vollbringen ließen. Das Gedicht verdeutlicht die transformative Kraft der Liebe und Fürsorge und wie sie selbst das Ärmste und Verachtetste zum Blühen bringen kann.
Schlüsselwörter
Wortwolke

Stilmittel
- Bildsprache
- Das bläßliche Haupt zur Erde gesenkt
- Hyperbel
- Und rührige Hände spendeten ihm Trank
- Kontrast
- Dürftig das Dörfchen, dürftig das Feld
- Metapher
- Ein heilig Dichterauge, weich und stolz
- Personifikation
- Daß alle, die ihn sahn, vor Freude lachten
- Symbolik
- Zwei Vöglein drangen in sein dichtes Laub
- Wiederholung
- Dürftig das Dörfchen, dürftig das Feld