Die Liebende (2)
1875Ja ich sehne mich nach dir. Ich gleite mich verlierend selbst mir aus der Hand, ohne Hoffnung, daß ich Das bestreite, was zu mir kommt wie aus deiner Seite ernst und unbeirrt und unverwandt.
…jene Zeiten: O wie war ich Eines, nichts was rief und nichts was mich verriet; meine Stille war wie eines Steines, über den der Bach sein Murmeln zieht.
Aber jetzt in diesen Frühlingswochen hat mich etwas langsam abgebrochen von dem unbewußten dunkeln Jahr. Etwas hat mein armes warmes Leben irgendeinem in die Hand gegeben, der nicht weiß was ich noch gestern war.
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Interpretation
Das Gedicht "Die Liebende (2)" von Rainer Maria Rilke beschreibt eine innere Zerrissenheit und Sehnsucht einer Frau, die durch die Liebe zu einem anderen Menschen aus ihrem bisherigen, selbstgenügsamen Dasein gerissen wurde. Die lyrische Ich-Erzählerin sehnt sich nach dem Geliebten, fühlt sich dabei jedoch selbstverloren und unfähig, dem entgegenzutreten, was wie aus seiner Seite ernst und unbeirrt auf sie zukommt. Die zweite Strophe kontrastiert den jetzigen Zustand mit früheren Zeiten, in denen die Erzählerin eins war mit sich selbst, ohne Ruf und ohne Verrat. Ihre Stille war wie die eines Steins, über den ein Bach sein Murmeln zieht - ein Bild für eine tiefe, ungestörte innere Ruhe und Einheit mit sich selbst. In der dritten Strophe wird deutlich, dass die Frühlingswochen etwas in der Erzählerin verändert haben. Sie wurde langsam von dem unbewussten, dunklen Jahr abgebrochen, ihr armes, warmes Leben wurde jemandem in die Hand gegeben, der nicht weiß, was sie noch gestern war. Die Liebe hat sie aus ihrem bisherigen Dasein gerissen und in eine neue, ungewisse Existenz geführt, in der sie sich selbst fremd geworden ist.
Schlüsselwörter
Wortwolke

Stilmittel
- Metapher
- mein armes warmes Leben
- Personifikation
- was zu mir kommt wie aus deiner Seite ernst und unbeirrt und unverwandt
- Vergleich
- meine Stille war wie eines Steines