Die Liebende (1)

Rainer Maria Rilke

1908

Das ist mein Fenster. Eben bin ich so sanft erwacht. Ich dachte, ich würde schweben. Bis wohin reicht mein Leben, und wo beginnt die Nacht?

Ich könnte meinen, alles wäre noch Ich ringsum; durchsichtig wie eines Kristalles Tiefe, verdunkelt, stumm.

Ich könnte auch noch die Sterne fassen in mir; so groß scheint mir mein Herz; so gerne ließ es ihn wieder los

den ich vielleicht zu lieben, vielleicht zu halten begann. Fremd, wie niebeschrieben sieht mich mein Schicksal an.

Was bin ich unter diese Unendlichkeit gelegt, duftend wie eine Wiese, hin und her bewegt,

rufend zugleich und bange, daß einer den Ruf vernimmt, und zum Untergange in einem Andern bestimmt.

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Illustration zu Die Liebende (1)

Interpretation

Das Gedicht "Die Liebende (1)" von Rainer Maria Rilke handelt von einer erwachenden Seele, die sich in einem Zustand der Offenheit und Verletzlichkeit befindet. Die erste Strophe beschreibt das Erwachen am Fenster, wo die Sprecherin sich leicht und schwerelos fühlt, als würde sie schweben. Sie fragt sich, wo ihr Leben endet und die Nacht beginnt, was auf eine Unsicherheit über die Grenzen ihrer Existenz hindeutet. In der zweiten Strophe beschreibt die Sprecherin ihr Gefühl der Ausdehnung und Transparenz. Sie fühlt sich wie ein Kristall, tief und dunkel, aber auch still. Sie stellt sich vor, die Sterne in sich aufnehmen zu können, was auf eine enorme emotionale Kapazität hindeutet. Ihr Herz scheint so groß zu sein, dass es bereit ist, die Person, die sie möglicherweise zu lieben oder zu halten beginnt, wieder loszulassen. Dies zeigt eine Bereitschaft, sich auf eine Beziehung einzulassen, aber auch die Angst vor Verlust oder Zurückweisung. Die dritte Strophe beschreibt das Gefühl der Sprecherin, in die Unendlichkeit geworfen zu sein. Sie fühlt sich wie eine duftende Wiese, die hin und her bewegt wird, was auf eine Unruhe und Unsicherheit hindeutet. Sie ruft zugleich und ängstlich, in der Hoffnung, dass jemand ihren Ruf hört, und ist dazu bestimmt, in einem anderen zu vergehen. Dies deutet auf eine tiefe Sehnsucht nach Verbindung und die Bereitschaft hin, sich in einer Beziehung aufzulösen, aber auch auf die Angst vor dem Unbekannten und dem möglichen Verlust der eigenen Identität.

Schlüsselwörter

könnte vielleicht fenster eben sanft erwacht dachte würde

Wortwolke

Wortwolke zu Die Liebende (1)

Stilmittel

Bildlichkeit
duftend wie eine Wiese
Hyperbel
so groß scheint mir mein Herz
Metapher
Eben bin ich so sanft erwacht. Ich dachte, ich würde schweben.
Personifikation
Was bin ich unter diese Unendlichkeit gelegt
Rhetorische Frage
Bis wohin reicht mein Leben, und wo beginnt die Nacht?
Symbolik
Fenster
Vergleich
durchsichtig wie eines Kristalles