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Die Liebe ist blind

Von

Mein Onkel stellt mir ewig vor:
Es sey die Liebe blind.
Doch im Vertraun, er ist ein Thor,
Und redet wie ein Kind.

Denn wär sie blind, wie? säh ich ein,
Wie reizend Chloe blüht!
Er mag wohl blind für Thorheit seyn,
Weil er nicht dieses sieht?

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Gedicht: Die Liebe ist blind von Christian Felix Weiße

Kurze Interpretation des Gedichts

Das Gedicht „Die Liebe ist blind“ von Christian Felix Weiße ist eine humorvolle und leichtfüßige Auseinandersetzung mit dem klassischen Motiv der Blindheit der Liebe. Der Ich-Erzähler, vermutlich ein junger Mann, widerspricht spielerisch der These seines Onkels, die Liebe sei blind, indem er die Schönheit seiner Geliebten, Chloe, hervorhebt. Die Ironie des Gedichts liegt darin, dass der Erzähler die Blindheit der Liebe im Grunde bestätigt, jedoch auf eine charmante und egozentrische Weise.

Der erste Teil des Gedichts stellt die Behauptung des Onkels dar: „Es sey die Liebe blind.“ Der Erzähler vergleicht den Onkel mit einem „Thor“ und einem „Kind,“ was dessen Aussage abwertet und gleichzeitig die Jugend des Erzählers betont. Der Onkel ist alt und scheinbar desillusioniert, während der Erzähler jung und verliebt ist. Diese Gegenüberstellung von Erfahrung und jugendlicher Begeisterung ist ein zentrales Element des Gedichts.

Der zweite Teil des Gedichts kehrt das Argument um. Wenn die Liebe blind wäre, so fragt sich der Erzähler, wie er dann Chloes Reize wahrnehmen könnte? Die rhetorische Frage deutet an, dass die Liebe nicht blind sein kann, da sie die Schönheit der Geliebten erkennt. Gleichzeitig deutet der Schlussvers „Er mag wohl blind für Thorheit seyn, / Weil er nicht dieses sieht?“ an, dass der Onkel vielleicht nicht blind für die Liebe, sondern für die jugendliche Torheit ist, die mit ihr einhergeht. Der Erzähler, in seiner jugendlichen Verliebtheit, sieht die Welt durch eine rosarote Brille und kann die möglicherweise problematischen Aspekte der Liebe noch nicht erkennen.

Die Sprache des Gedichts ist einfach und direkt, typisch für die Aufklärung. Der Reim, der Wechsel von Frage und Antwort, sowie der humorvolle Ton machen das Gedicht zugänglich und unterhaltsam. Weiße nutzt die Konventionen der Zeit, um eine scheinbar einfache Botschaft zu vermitteln, die jedoch subtil die Komplexität von Liebe und Erfahrung andeutet. Das Gedicht ist eine charmante Momentaufnahme des Verliebenseins, in der jugendlicher Enthusiasmus auf die Weisheit der Erfahrung trifft.

Weitere Informationen

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Lizenz und Verwendung

Dieses Gedicht fällt unter die „public domain“ oder Gemeinfreiheit. Gemeinfreiheit bedeutet, dass ein Werk nicht (mehr) durch Urheberrechte geschützt ist und daher von allen ohne Erlaubnis des Urhebers frei genutzt, vervielfältigt und verbreitet werden darf. Sie tritt meist nach Ablauf der gesetzlichen Schutzfrist ein, z. B. 70 Jahre nach dem Tod des Autors. Weitere Informationen dazu finden sich hier.