Die Liebe ist blind
1758Mein Onkel stellt mir ewig vor: Es sey die Liebe blind. Doch im Vertraun, er ist ein Thor, Und redet wie ein Kind.
Denn wär sie blind, wie? säh ich ein, Wie reizend Chloe blüht! Er mag wohl blind für Thorheit seyn, Weil er nicht dieses sieht?
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Interpretation
Das Gedicht "Die Liebe ist blind" von Christian Felix Weiße thematisiert die Diskrepanz zwischen der allgemeinen Vorstellung, dass Liebe blind macht, und der persönlichen Erfahrung des lyrischen Ichs. Der Onkel des Sprechers behauptet ständig, dass die Liebe blind sei, was das lyrische Ich jedoch als töricht und kindisch abtut. Es argumentiert, dass es, wenn die Liebe wirklich blind wäre, nicht in der Lage wäre, die Reize seiner Angebeteten Chloe zu erkennen. Somit stellt das Gedicht die gängige Redewendung "Die Liebe ist blind" infrage und suggeriert, dass Liebe vielmehr eine gesteigerte Wahrnehmung und Wertschätzung der geliebten Person ermöglicht. In den ersten beiden Strophen wird die Behauptung des Onkels, dass die Liebe blind sei, durch das lyrische Ich zurückgewiesen. Das Ich bezeichnet den Onkel als "Thor" und behauptet, er rede "wie ein Kind". Diese Charakterisierung deutet darauf hin, dass das lyrische Ich den Standpunkt des Onkels als naiv und unreflektiert ansieht. Die Verwendung des Wortes "ewig" in der ersten Zeile verstärkt den Eindruck, dass der Onkel diese Meinung ständig wiederholt, ohne sie kritisch zu hinterfragen. Die dritte und vierte Strophe enthalten die eigentliche Argumentation des lyrischen Ichs gegen die These, dass die Liebe blind sei. Es fragt rhetorisch, wie es sonst die Reize von Chloe erkennen könnte, wenn die Liebe es blenden würde. Das lyrische Ich impliziert, dass es durch die Liebe vielmehr in die Lage versetzt wird, die Schönheit und den Charme seiner Angebeteten wahrzunehmen und zu würdigen. Die abschließende Frage, ob der Onkel wohl blind für die Torheit sei, weil er diese Einsicht nicht teile, verdeutlicht die Überzeugung des lyrischen Ichs von der Richtigkeit seiner Argumentation.
Schlüsselwörter
Wortwolke

Stilmittel
- Ironie
- Doch im Vertraun, er ist ein Thor, Und redet wie ein Kind
- Metapher
- Es sey die Liebe blind
- Personifikation
- Er mag wohl blind für Thorheit seyn
- Rhetorische Frage
- Denn wär sie blind, wie? säh ich ein, Wie reizend Chloe blüht!