Die Liebe
1804Wenn ihr Freunde vergeßt, wenn ihr die Euern all, O ihr Dankbaren, sie, euere Dichter schmäht, Gott vergeb es, doch ehret Nur die Seele der Liebenden.
Denn o saget, wo lebt menschliches Leben sonst, Da die knechtische jetzt alles, die Sorge, zwingt? Darum wandelt der Gott auch Sorglos über dem Haupt uns längst.
Doch, wie immer das Jahr kalt und gesanglos ist Zur beschiedenen Zeit, aber aus weißem Feld Grüne Halme doch sprossen, Oft ein einsamer Vogel singt,
Wenn sich mählich der Wald dehnet, der Strom sich regt, Schon die mildere Luft leise von Mittag weht Zur erlesenen Stunde, So ein Zeichen der schönern Zeit,
Die wir glauben, erwächst einziggenügsam noch, Einzig edel und fromm über dem ehernen, Wilden Boden die Liebe, Gottes Tochter, von ihm allein.
Sei gesegnet, o sei, himmlische Pflanze, mir Mit Gesange gepflegt, wenn des ätherischen Nektars Kräfte dich nähren, Und der schöpfrische Strahl dich reift.
Wachs und werde zum Wald! eine beseeltere, Vollentblühende Welt! Sprache der Liebenden Sei die Sprache des Landes, Ihre Seele der Laut des Volks!
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Interpretation
Das Gedicht "Die Liebe" von Friedrich Hölderlin ist ein Loblied auf die Liebe als höchste menschliche Tugend und als göttliches Geschenk. Hölderlin preist die Liebe als einzige Kraft, die den Menschen in einer von Sorgen und Knechtschaft geprägten Welt Hoffnung und Schönheit schenkt. Der Dichter ruft seine Freunde dazu auf, die Liebe und die Dichter zu ehren, da diese die Seele der Liebenden verkörpern. Er beklagt, dass das Leben heute von Sorgen und Zwängen beherrscht wird und dass die Götter sich davon nicht mehr beeindrucken lassen. Doch die Liebe, verglichen mit einer Pflanze, die selbst in der Kälte sprießt, bleibt eine beständige Kraft. Hölderlin beschreibt die Liebe als etwas Edles und Göttliches, das selbst in einer "ehernen, wilden" Welt bestehen kann. Sie ist "Gottes Tochter" und wird von ihm allein genährt. Der Dichter bittet die Liebe, sich in ihm zu entfalten und zu einem "Wald" zu werden, der eine beseelte und vollendete Welt repräsentiert. Die Sprache der Liebenden soll zur Sprache des Landes werden und ihre Seele der Klang des Volkes.
Schlüsselwörter
Wortwolke

Stilmittel
- Bildsprache
- Die Beschreibung der Natur, die sich im Frühling regt, als Symbol für die Liebe.
- Hyperbel
- Die Liebe als einzige edle und fromme Kraft über dem ehernen Boden.
- Kontrast
- Der Gegensatz zwischen der kalten, gesanglosen Zeit und dem Wachstum der Liebe.
- Metapher
- Die Liebe als himmlische Pflanze, die gepflegt und genährt wird.
- Personifikation
- Die Liebe als 'Gottes Tochter' und die Sorge als knechtische Kraft.