Die letzten Zehn

Arno Holz

1896

Was heulst du wie die römische Sibylle In unsre altarkadische Idylle Dein dreimal disharmonisches: “Mehr Licht!”? Schon immer war das Wappenthier der Dichter Ein Bandwurm und ein Nürenberger Trichter, Die Garde stirbt, doch sie ergiebt sich nicht!

Wenn du durchaus nur säen willst, dann säe! Wir gönnen dir von Herzen deine Mühn. Doch wer wird krächzen wie die Nebelkrähe, So lange lenzroth noch die Rosen blühn?

Wir rühren wacker unsern alten Kleister Im himmelblauen Regenbogenton, Sagt doch der Jupiter von Weimar schon: In der Beschränktheit zeigt sich erst der Meister!

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Interpretation

Das Gedicht "Die letzten Zehn" von Arno Holz ist eine kritische Auseinandersetzung mit dem Streben nach Erleuchtung und dem Wunsch nach Veränderung. Der Sprecher richtet sich an jemanden, der wie die römische Sibylle nach mehr Licht ruft und damit die idyllische Ruhe stört. Die Metapher des Bandwurms und des Nürenberger Trichters als Wappentier der Dichter deutet auf die selbstsüchtige und parasitär-nährende Natur der Künstler hin, die sich nicht ergeben, selbst wenn ihre Garde stirbt. Der zweite Teil des Gedichts zeigt eine gewisse Resignation gegenüber dem Streben nach Erneuerung. Der Sprecher ermutigt den anderen, zu säen, wenn er es unbedingt will, und wünscht ihm dabei viel Mühe. Doch er fragt sich, wer noch da sein wird, um wie die Nebelkrähe zu krächzen, wenn die Rosen noch im Lenzrot blühen. Dies deutet darauf hin, dass der Sprecher die Bemühungen des anderen als sinnlos und zeitlich begrenzt ansieht. Im letzten Teil des Gedichts kehrt der Sprecher zu seiner eigenen Tätigkeit zurück, indem er den alten Kleister in himmelblauer Regenbogenfarbe anrührt. Der Verweis auf den Jupiter von Weimar, vermutlich eine Anspielung auf Johann Wolfgang von Goethe, unterstreicht die Idee, dass wahre Meisterschaft in der Beschränkung liegt. Das Gedicht endet mit der Betonung der Bedeutung von Zurückhaltung und Begrenzung als Schlüssel zur Meisterschaft.

Schlüsselwörter

heulst römische sibylle unsre altarkadische idylle dreimal disharmonisches

Wortwolke

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Stilmittel

Anapher
Was heulst du wie die römische Sibylle / In unsre altarkadische Idylle / Dein dreimal disharmonisches: "Mehr Licht!"?
Anspielung
Wie die römische Sibylle / Dein dreimal disharmonisches: "Mehr Licht!"
Hyperbel
Schon immer war das Wappenthier der Dichter Ein Bandwurm und ein Nürenberger Trichter
Kontrast
Wir rühren wacker unsern alten Kleister / Im himmelblauen Regenbogenton
Metapher
Das Wappenthier der Dichter / Ein Bandwurm und ein Nürenberger Trichter
Personifikation
Die Garde stirbt, doch sie ergiebt sich nicht!
Zitat
Sagt doch der Jupiter von Weimar schon: / In der Beschränktheit zeigt sich erst der Meister!