Die letzte Nacht

Sophie Friederike Brentano

1770

Sie sinkt, die Nacht! sie sinkt auf Mohn und Flieder, im Grabgewand, von Leichenduft umschwebt; ein kalter Schauder bebt mir durch die Glieder, indes der freie Geist sich zu entfesseln strebt.

Verhallt auf ewig sind der Hoffnung Lieder, verrauscht der Freude goldnes Saitenspiel! Kein Gott facht die verloschne Flamme wieder im öden Busen an - ich bin am Ziel!

Ich hör’ im Sturme, der die hohe Eiche mit allmachtsvollem Arm zur Erde beugt, im Schilfgeflüster, das am öden Teiche sich traurig hin und her im Winde neigt,

Wie aus gebleichten Schädeln, hohl und düster, der Abgeschiednen Stimme: folge mir! und Schattenbilder wehn mit Grabgeflüster zu mir heran, und hauchen: folge mir!

Ich folg’ euch gern! Ach, an Unmöglichkeiten verlosch des Lebens einst so schönes Licht! - Wer zürnt dem Kranken, dem’s im Kampf mit seinen Leiden zuletzt an Mut und inn’rer Kraft gebricht?

Vernimm, du Wesen, das ich ewig liebe: dies Herz erträgt den bittern Kampf nicht mehr! Vergebens rang es mit Vernunft und Liebe; ihr Widerspruch wird seiner Kraft zu schwer!

Was soll, Geliebte! ohne dich das Leben, dies bange Traumgebild, was soll es mir? wo eines lacht, wenn tausend andre beben; was kann ich lieben, wünschen - außer dir?

Ich eil’ hinaus ins schaudervolle Öde, Verändrung ist für mich Verbesserung. Und schimmert jenseits keine Morgenröte: im Schoß des Grabes blüht Beruhigung!

Ich lechze auf nach hellern Lebensblicken! Gewißheit blüht aus der Verwesung Staub! Dort will ich mir die Ätherblume pflücken - zu lange war ich hier des Wahnes Raub!

Schon seh’ ich Tau aus jener Wolke sinken; schon fühl’ ich mich vom Morgenhauch umbebt. Wenn dieses Sternes letzte Strahlen blinken, dann hat dein treuer Jüngling ausgelebt.

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Illustration zu Die letzte Nacht

Interpretation

Das Gedicht "Die letzte Nacht" von Sophie Friederike Brentano beschreibt den emotionalen Zustand eines lyrischen Ichs, das sich dem Ende seines Lebens bewusst ist. Die Nacht wird als Grabgewand mit Leichenduft umschwebt beschrieben, was die Sterblichkeit und den Tod symbolisiert. Das Ich fühlt sich von einem kalten Schauder durchdrungen und sehnt sich danach, seinen Geist zu befreien. Die Hoffnung und Freude sind erloschen, und das Ich fühlt sich am Ziel seiner Reise angekommen. Es hört die Stimmen der Verstorbenen, die es auffordern, ihnen zu folgen. Das Ich ist bereit, ihnen zu folgen, da es den Kampf des Lebens nicht mehr ertragen kann. Es bittet seine geliebte Person, es zu verstehen und zu akzeptieren, dass es den bitteren Kampf nicht mehr aushalten kann. Das Leben ohne die geliebte Person erscheint dem Ich als bange Traumgebilde. Es sehnt sich danach, in die schaudervolle Öde hinauszugehen, da Veränderung für es eine Verbesserung bedeutet. Das Ich hofft auf eine Morgenröte jenseits des Grabes, wo es Beruhigung finden wird. Es sehnt sich nach helleren Lebensblicken und ist bereit, die Ätherblume zu pflücken, um dem Wahnsinn zu entkommen. Das Gedicht endet mit der Vorstellung, dass das Ich seinen treuen Jüngling sterben sieht, wenn die letzten Strahlen eines Sterns verblassen.

Schlüsselwörter

sinkt ewig öden folge kampf kraft liebe soll

Wortwolke

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Stilmittel

Alliteration
Sterne letzte Strahlen
Anapher
was soll, Geliebte! ohne dich das Leben, dies bange Traumgebild, was soll es mir?
Hyperbel
zu lange war ich hier des Wahnes Raub
Metapher
des Wahnes Raub
Metonymie
Vernunft und Liebe
Oxymoron
bange Traumgebild
Personifikation
Sie sinkt, die Nacht! sie sinkt auf Mohn und Flieder
Symbolik
Sternes