Die Lerche

Elisabeth Kulmann

unbekannt

Was siehst du, liebe Lerche, Wann in der Morgendämmrung, Wann bei der Abendröthe Du dich in steten Kreisen Hoch in die Luft erhebest, Daß du mit solcher Wonne, Mit solcher Anmuth singest?

Ich sehe, wie im Osten Des Tages rasche Töchter Mit Flügeln an den Schultern, Mit Flügeln an den Fersen, Der glanzumfloßnen Ahnin Gluthschnaubende vier Rosse An ihren Wagen spannen, Das Himmelsthor ihm öffnen, Und, fröhlich ihn umtanzend, Ihn auf dem stufenweise Aufsteigenden, dann eben Hinlaufenden, und endlich Allmählig gegen Westen Sich senkenden Geleise Der Himmelsbahn begleiten. Es ist der Weg von einem Zum andern Horizonte, Das Himmelsblau durchschneidend, Mit breiten goldnen Kieseln Gepflastert, die bei jedem Hufschlage Funken sprühen. Kaum aber ist die Sonne Im Westen angelanget, So harrt ein schönes Fahrzeug Mit Purpursegeln ihrer. Sie und die stillen Töchter Der ernsten Nacht, gehüllet In dunkle weiche Schleier, Besteigen alle schweigend Das Wunderschiff, das, ohne Pilot, auf dem die Erde Umkreisenden Gewässer Des Oceans hingleitend, Die eingeschlafne Sonne Zum Sonnenteiche bringet; Dem sie, wie neugeboren, Am Morgen dann entsteiget, Indeß die stillen Töchter Der Nacht im Schiff zurücke Zum Abendthore kehren.

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Illustration zu Die Lerche

Interpretation

Das Gedicht "Die Lerche" von Elisabeth Kulmann beschreibt die poetische Vorstellung der Lerche, die in den frühen Morgen- und Abendstunden in den Himmel aufsteigt und singt. Die Lerche wird als Beobachterin dargestellt, die die tägliche Reise der Sonne über den Himmel verfolgt. Die Sonne wird als Göttin personifiziert, die von ihren "rasch tönenden Töchtern" begleitet wird, die sie auf ihrem Weg über den Himmel begleiten. Das Gedicht schildert die Reise der Sonne von Osten nach Westen, wobei der Himmel als goldgepflasterter Weg beschrieben wird. Die Lerche beobachtet, wie die Sonne im Westen ankommt und von einem prächtigen Schiff mit purpurroten Segeln erwartet wird. Dieses Schiff, das ohne Pilot fährt, bringt die schlafende Sonne zum "Sonnenteich", wo sie am nächsten Morgen wie neugeboren wieder aufsteigt. Währenddessen kehren die stillen Töchter der Nacht mit dem Schiff zum Abendtor zurück. Das Gedicht vermittelt eine romantische und märchenhafte Vorstellung von der täglichen Reise der Sonne und der Rolle der Lerche als Zeugin und Sängerin dieses himmlischen Geschehens.

Schlüsselwörter

töchter wann solcher flügeln westen sonne stillen nacht

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Stilmittel

Bildsprache
Wunderschiff, das, ohne Pilot, auf dem die Erde umkreisenden Gewässer des Oceans hingleitend
Hyperbel
Glanzumfloßne Ahnin
Metapher
Das Himmelsthor
Symbolik
Sonnenteich