Die Leidtragenden

Anastasius Grün

1907

Aus der Gruft heraus im Grabeskleid, Nach dem Garten wallt die todte Maid, Den sie einst so liebevoll gepflegt, Der wohl tief um sie jetzt Trauer trägt.

»Weiße Lilien, wie mein Herz so rein, Weinen wohl ums todte Schwesterlein?« Ach, die Lilien weinen nimmermehr, Nein, ihr Kelch ist licht und thränenleer.

»Meine Rosen, die ich so geliebt, Wohl seid ihr erblaßt und tief betrübt?« Ach, nicht färbte Gram die Rosen bleich, Nein, sie glühen fort gar wonnereich.

»Nachtigall, du meines Herzens Herz, Wohl ist deine Brust jetzt stumm vor Schmerz?« Ach, nicht ist verstummt die Nachtigall, Durch die Wipfel schmettert laut ihr Schall.

»Blüthenbaum, du neigst dein trauernd Haupt, Weil du nun der Pflegerin beraubt?« Ach, nicht ist des Baumes Haupt geneigt, Sondern freudig in die Wolken steigt.

Einen Jüngling, den sie nie gesehn, Sieht sie jetzt bei ihren Blumen stehn. »Fremdling, sprich, was führt zu dieser Zeit In den Garten dich der todten Maid?«

»Statt der Rosen bin ich gramesbleich, Statt der Nachtigall so schmerzenreich, Statt des Baums neigt meine Stirne sich, Statt der Lilien wein’ ich still um dich.«

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Illustration zu Die Leidtragenden

Interpretation

Das Gedicht "Die Leidtragenden" von Anastasius Grün erzählt die Geschichte einer verstorbenen Jungfrau, die aus ihrem Grab steigt und ihren einst geliebten Garten besucht. Sie sucht nach Zeichen des Schmerzes und der Trauer um ihren Tod, findet jedoch nur lebendige und fröhliche Natur vor. Die Jungfrau fragt die weißen Lilien, ob sie um ihr totes "Schwesterlein" weinen. Doch die Lilien sind nicht traurig, sondern ihr Kelch ist "licht und tränenleer". Sie erkundigt sich bei den Rosen, ob sie erblasst und betrübt seien, doch die Rosen glühen "fort gar wonnereich". Die Nachtigall, das "Herz" der Jungfrau, ist nicht stumm vor Schmerz, sondern singt laut durch die Wipfel. Auch der Blütenbaum neigt sein Haupt nicht trauernd, sondern steigt "freudig in die Wolken". In ihrem Garten trifft die Jungfrau auf einen jungen Mann, den sie nie zuvor gesehen hat. Sie fragt ihn, warum er zu dieser Zeit in den Garten der toten Maid gekommen sei. Der Jüngling antwortet, dass er statt der Rosen bleich vor Gram sei, statt der Nachtigall schmerzerfüllt, statt des Baumes seine Stirn neige und statt der Lilien still um sie weine. Damit offenbart er, dass er der Einzige ist, der um den Tod der Jungfrau trauert.

Schlüsselwörter

statt lilien rosen nachtigall garten todte maid tief

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Wortwolke zu Die Leidtragenden

Stilmittel

Ironie
Einen Jüngling, den sie nie gesehn, Sieht sie jetzt bei ihren Blumen stehn.
Kontrast
Statt der Rosen bin ich gramesbleich, Statt der Nachtigall so schmerzenreich, Statt des Baums neigt meine Stirne sich, Statt der Lilien wein’ ich still um dich.
Metapher
Nachtigall, du meines Herzens Herz
Personifikation
Weiße Lilien, wie mein Herz so rein, Weinen wohl ums todte Schwesterlein?