Die längste Nacht
1897Von des längsten Tages Helle War mir noch der Sinn bestrickt; Gern an seines Lichtes Quelle Hätt′ ich ewig mich erquickt.
Doch die Nächte wurden länger, Und das Dunkel stieg und stieg; Engre Kreise, immer enger Zog die Sonne, matt und siech.
Selbst der Himmel schien zu trauern, Daß die Strahlenpracht verglüht, Und inmitten finstrer Mauern Mich verbarg ich lebensmüd.
Nun wie anders alles! Nicht mehr Sehn′ ich mir zurück den Tag, Da allhin, ein wallend Lichtmeer, Sonnenglanz auf Erden lag.
Schöner nun zu tausend Malen Unter schneebedecktem Dach Glänzt von zweier Augen Strahlen Mir dies nächtliche Gemach.
Weich hält mich ein Arm umwunden, Und zwei Lippen flüstern sacht: Mit den dunklen, dunklen Stunden Sei gesegnet, längste Nacht!
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Interpretation
Das Gedicht "Die längste Nacht" von Adolf Friedrich Graf von Schack handelt von einem Wechsel der Stimmung und der Wahrnehmung, der mit den Jahreszeiten und der Liebe einhergeht. Anfangs wird die lange, helle Tageszeit als etwas beschrieben, das den Geist gefangen nimmt und erfrischt. Doch mit den länger werdenden Nächten und dem schwächeren, kranken Sonnenlicht verändert sich die Stimmung: Der Himmel scheint zu trauern, und der Sprecher fühlt sich lebensmüde inmitten dunkler Mauern. Doch dann kommt eine Wende. Der Sprecher blickt nicht mehr sehnsüchtig zurück auf den hellen Tag, sondern findet in der dunklen Nacht eine neue, viel schönere Schönheit. Unter einem schneebedeckten Dach strahlt das Licht zweier Augen den Raum aus, und der Sprecher fühlt sich von einem Arm umfangen und von sanften Worten umflüstert. Die dunklen Stunden werden gesegnet, und die längste Nacht wird zu einem Moment der Liebe und des Glücks. Das Gedicht vermittelt die Idee, dass die Liebe die Wahrnehmung der Welt verändern kann. Was anfangs als dunkel und bedrohlich empfunden wird, kann durch die Anwesenheit eines geliebten Menschen zu etwas Schönem und Erfüllendem werden. Die längste Nacht, die zuvor als Symbol der Dunkelheit und der Verzweiflung diente, wird nun als ein Ort der Geborgenheit und der Zweisamkeit gefeiert.
Schlüsselwörter
Wortwolke

Stilmittel
- Metapher
- Zwei Lippen flüstern sacht
- Personifikation
- Selbst der Himmel schien zu trauern