Die Küsse

Friedrich von Hagedorn

1754

Als sich aus Eigennutz Elisse Dem muntern Coridon ergab, Nahm sie für einen ihrer Küsse Ihm anfangs dreißig Schafe ab.

Am andern Tag erschien die Stunde, Daß er den Tausch viel besser traf. Sein Mund gewann von ihrem Munde Schon dreißig Küsse für ein Schaf.

Der dritte Tag war zu beneiden: Da gab die milde Schäferin Um einen neuen Kuß mit Freuden Ihm alle Schafe wieder hin.

Allein am vierten ging′s betrübter, Indem sie Herd und Hund verhieß Für einen Kuß, den ihr Geliebter Umsonst an Doris überließ.

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Illustration zu Die Küsse

Interpretation

Das Gedicht "Die Küsse" von Friedrich von Hagedorn erzählt eine humorvolle Geschichte über den Tauschhandel zwischen Liebe und materiellen Gütern. Elisse, die aus Eigennutz Coridon verfällt, beginnt eine Reihe von Tauschgeschäften, bei denen Küsse gegen Schafe getauscht werden. Die erste Begegnung endet mit einem klaren Vorteil für Elisse, die für einen Kuss dreißig Schafe erhält. Dies deutet auf eine gewisse Ausbeutung der Situation hin, bei der die Liebe als Mittel zum Zweck dient. Am zweiten Tag wendet sich das Blatt, und Coridon erzielt einen besseren Tausch, indem er dreißig Küsse für ein Schaf erhält. Dies zeigt, dass sich die Machtverhältnisse in der Beziehung verschieben und Coridon nun die Oberhand gewinnt. Der dritte Tag bringt eine Wendung, bei der Elisse, nun milder gestimmt, alle Schafe für einen neuen Kuss zurückgibt. Dies könnte als Zeichen der Reue oder als Versuch interpretiert werden, die Beziehung zu kitten, indem sie ihre frühere Ausbeutung rückgängig macht. Der vierte Tag endet in einer betrüblichen Situation, als Elisse Herd und Hund für einen Kuss verspricht, den Coridon jedoch an Doris verschenkt. Dies verdeutlicht die Unbeständigkeit der Liebe und die möglichen Konsequenzen, wenn man sie als Handelsware betrachtet. Das Gedicht endet mit einer ironischen Wendung, bei der die anfängliche Machtposition Elisses durch ihre eigene Naivität und die Unberechenbarkeit menschlicher Gefühle untergraben wird.

Schlüsselwörter

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Wortwolke

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Stilmittel

Ironie
Die Ironie liegt darin, dass Elisse am vierten Tag ihren Herd und Hund für einen Kuss verspricht, den ihr Geliebter an Doris verschwendet, was auf die Eifersucht und den Verrat hindeutet.
Kontrast
Der Kontrast zwischen den ersten drei Tagen, an denen die Küsse einen klaren Tauschwert haben, und dem vierten Tag, an dem der Kuss verschwendet wird, hebt die Veränderung der emotionalen Dynamik hervor.
Metapher
Die Küsse werden als Währung oder Tauschmittel dargestellt, was eine Metapher für den Wert von Liebe und Zärtlichkeit ist.
Reimschema
Das Gedicht folgt einem regelmäßigen Reimschema (AABB), was die Struktur und den Rhythmus des Gedichts verstärkt.