Die Küsse (1)

Gotthold Ephraim Lessing

1751

Ein Küßchen, das ein Kind mir schenket, Das mit den Küssen nur noch spielt, Und bei dem Küssen noch nichts denket, Das ist ein Kuß, den man nicht fühlt.

Ein Kuß, den mir ein Freund verehret, Das ist ein Gruß, der eigentlich Zum wahren Küssen nicht gehöret: Aus kalter Mode küßt er mich.

Ein Kuß, den mir mein Vater gibet, Ein wohlgemeinter Segenskuß, Wenn er sein Söhnchen lobt und liebet, Ist etwas, das ich ehren muß.

Ein Kuß von meiner Schwester Liebe Steht mir als Kuß nur so weit an, Als ich dabei mit heißerm Triebe An andre Mädchen denken kann.

Ein Kuß, den Lesbia mir reichet, Den kein Verräter sehen muß, Und der dem Kuß der Tauben gleichet; Ja, so ein Kuß, das ist ein Kuß.

Das Gedicht als Bild, zum Downloaden und Teilen

Illustration zu Die Küsse (1)

Interpretation

Das Gedicht "Die Küsse (1)" von Gotthold Ephraim Lessing beschäftigt sich mit verschiedenen Arten von Küssen und deren Bedeutungen. Es beginnt mit einem kindlichen Kuss, der als unschuldig und unbewusst beschrieben wird. Der Dichter betont, dass dieser Kuss nicht wirklich empfunden wird, da das Kind noch nicht die Tiefe und Bedeutung eines Kusses versteht. Im zweiten Vers wird ein Kuss von einem Freund thematisiert, der als höflicher Gruß dargestellt wird. Lessing deutet an, dass dieser Kuss aus sozialer Höflichkeit und nicht aus echter Zuneigung erfolgt. Er wird als kalt und unpersönlich charakterisiert, da er mehr der Mode als der wahren Emotion entspringt. Der dritte Vers beschreibt einen Kuss des Vaters, der als Segen und Ausdruck der Liebe und des Lobes für das Kind verstanden wird. Lessing hebt die Wichtigkeit und den Respekt hervor, den dieser Kuss verdient. Im Gegensatz dazu steht der Kuss der Schwester, der als unschuldig und platonisch beschrieben wird. Hierbei spielt die Vorstellung an andere Mädchen eine Rolle, was auf eine noch unreife oder ungeklärte sexuelle Anziehung hinweist. Der letzte Vers führt den leidenschaftlichen Kuss von Lesbia ein, der als geheimnisvoll und intensiv beschrieben wird. Lessing vergleicht diesen Kuss mit dem der Tauben, was auf eine tiefe und erfüllende Verbindung hindeutet. Dieser Kuss wird als der wahre und bedeutungsvolle Kuss dargestellt, der alle vorherigen Kussarten in den Schatten stellt.

Schlüsselwörter

kuß küssen muß küßchen kind schenket spielt denket

Wortwolke

Wortwolke zu Die Küsse (1)

Stilmittel

Hyperbel
An andre Mädchen denken kann
Ironie
Ein Küßchen, das ein Kind mir schenket, Das mit den Küssen nur noch spielt
Kontrast
Ein Kuß, den mir ein Freund verehret, Das ist ein Gruß, der eigentlich Zum wahren Küssen nicht gehöret
Metapher
Ein Kuß, den mir mein Vater gibet, Ein wohlgemeinter Segenskuß
Personifikation
Die Küsse (1)
Symbolik
Ein Kuß von meiner Schwester Liebe Steht mir als Kuß nur so weit an
Vergleich
Und der dem Kuß der Tauben gleichet