Die Kommenden

Margarete Beutler

1876

Ein Kinderplatz, mit Sand und Ruß bedeckt, von kläglich blassen Sträuchern eingeheckt.

Da wächst es auf, das kommende Geschlecht, das einst - vielleicht! - der Mutter Tränen rächt.

Dort baut es ahnend sich ein hartes Ziel - Das Leben reicht ihm Steine überviel -

Und - es ist närrisch - ob dem Geisterbau des Himmels zärtlichstes Septemberblau.

Von jener breiten Kinderstirne spricht ein schwarzes Trotzen: Und ich weiche nicht.

Ich weiß schon längst, was in der Welt so Brauch, und wie es Vater macht, so mach ichs auch.

Mein Hass den Fetten an die Gurgel springt, bis einst auch mich der blutige Strom verschlingt.

Dies Mädchen - wie ihr keck die Zunge geht - sie sprach wohl nie ein Kindernachtgebet -

Noch trägt sie unbewusst ihr Lumpenkleid, wie lange noch, dann kommt auch ihre Zeit.

Dann schlingt sie schmutzige Bänder sich ins Haar und bietet lachend ihre Reize dar.

Und ein paar Jahre roher Lust - dann hat der Tod sie lieb auf sündiger Lagerstatt…

Wie dieser Knabenmund so schmerzlich ist! Ach, wenn ihn niemand als der Hunger küsst!

Die Mutter wusch, bis sie zum Tode krank, und als sie starb, da sprach sie: Gott sei Dank!

Ein altes Weib erstand den Knaben sich, doch sie ist arm und hart und wunderlich.

Für ein Stück Brot in Morgennebelstund läuft er sich Tag für Tag die Füße wund.

Und Tag für Tag saugt von den Lippen ihm den Frühlingssegen seines Cherubim.

Sein Engel schläft - und Engel schlafen fest. Kein Kinderjammer, der sie wachen lässt. —

Wie wildes, fruchtlos starres Binsenrohr, wächst so Geschlecht hier für Geschlecht empor.

Und jeder Mai entlockt dasselbe Laub den magern Sträuchern - blass bedeckt mit Staub.

Weit, weit davon predigt die Sonnenpracht: Ich bin das Licht, das alle glücklich macht.

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Illustration zu Die Kommenden

Interpretation

Das Gedicht "Die Kommenden" von Margarete Beutler zeichnet ein düsteres Bild der Lebensbedingungen und Zukunftsaussichten von Kindern in einer armen, vernachlässigten Umgebung. Die Kinder wachsen in einem "Kinderplatz" auf, der von Sand und Ruß bedeckt ist und von "kläglich blassen Sträuchern" umgeben ist. Sie sind von Anfang an von Härte und Not geprägt und entwickeln oft einen trotzigen und misstrauischen Charakter. Die Kinder im Gedicht werden als "kommendes Geschlecht" beschrieben, das die "Mutter Tränen rächt" und sich ein "hartes Ziel" setzt. Sie sind von der Härte des Lebens gezeichnet und entwickeln oft einen Hass auf die "Fetten", die sie als Verursacher ihres Elends ansehen. Das Gedicht zeigt auch die Rolle der Frauen in dieser Gesellschaft, die oft in Prostitution enden und früh sterben. Das Gedicht endet mit einer Reflexion über den Kreislauf der Armut und des Leidens, der sich von Generation zu Generation wiederholt. Die Kinder werden als "wildes, fruchtlos starres Binsenrohr" beschrieben, das "Geschlecht hier für Geschlecht empor" wächst. Die "Sonnenpracht" in der Ferne scheint diese Kinder nicht zu erreichen und lässt sie in ihrem Elend zurück.

Schlüsselwörter

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Stilmittel

Metapher
jeder Mai entlockt dasselbe Laub
Personifikation
die Sonnenpracht: Ich bin das Licht, das alle glücklich macht