Die kleine Passion
1890Der sonnige Duft, Semptemberluft, sie wehten ein Mücklein mir aufs Buch. Das suchte sich die Ruhegruft und fern vom Wald sein Leichentuch. Vier Flügelein von Seiden fein trug′s auf dem Rücken zart, drin man im Regenbogenschein spielendes Licht gewahrt! Hellgrün das schlanke Leibchen war, hellgrün der Füßchen dreifach Paar, und auf dem Köpfchen wundersam saß ein Federbüschchen stramm; die Äuglein wie ein goldnes Erz glänzten mir in das tiefste Herz. Dies zierliche und manierliche Wesen hatt′ sich zu Gruft und Leichentuch das glänzende Papier erlesen, darin ich las, ein dichterliches Buch; so ließ den Band ich aufgeschlagen und sah erstaunt dem Sterben zu, wie langsam, langsam ohne Klagen das Tierlein kam zu seiner Ruh. Drei Tage ging es müd und matt umher auf dem Papiere; die Flügelein von Seide fein, sie glänzten alle viere. Am vierten Tage stand es still gerade auf dem Wörtlein “will”! Gar tapfer stand′s auf selbem Raum, hob je ein Füßchen wie im Traum; am fünften Tage legt′ es sich, doch noch am sechsten regt′ es sich; am siebten endlich siegt′ der Tod, da war zu Ende seine Not. Nun ruht im Buch sein leicht Gebein, mög′ uns sein Frieden eigen sein!
Das Gedicht als Bild, zum Downloaden und Teilen

Interpretation
Das Gedicht "Die kleine Passion" von Gottfried Keller erzählt von einem kleinen Insekt, das auf ein Buch fällt und dort seinen Lebensabend verbringt. Das Gedicht beginnt mit einer idyllischen Szenerie im September, in der das Insekt auf der Suche nach Ruhe und einem letzten Zuhause ist. Das Insekt wird als zierlich und manierlich beschrieben, mit feinen Seidenflügeln, einem hellgrünen Leibchen und goldenen Augen, die tief ins Herz des Betrachters schauen. Im weiteren Verlauf des Gedichts wird das langsame Sterben des Insekts detailliert beschrieben. Es bewegt sich müde und matt auf dem Papier des Buches, bis es schließlich am vierten Tag auf dem Wort "will" stehen bleibt. Das Insekt kämpft noch am fünften und sechsten Tag, bevor es am siebten Tag dem Tod erliegt. Das Gedicht endet mit der Hoffnung, dass das Insekt in Frieden ruht und dass auch der Mensch seinen Frieden finden möge. Die Interpretation des Gedichts könnte darauf hindeuten, dass das Insekt als Symbol für die Vergänglichkeit des Lebens und die Unausweichlichkeit des Todes steht. Das Insekt wählt das Buch als seinen letzten Ruheplatz, was darauf hindeuten könnte, dass Wissen und Kunst einen sicheren Hafen bieten können. Das Wort "will" auf dem das Insekt steht, könnte als Anspielung auf den menschlichen Willen und die Bestimmung interpretiert werden. Das Gedicht lädt den Leser dazu ein, über die Bedeutung des Lebens und des Todes nachzudenken und die Schönheit und Zerbrechlichkeit des Daseins zu würdigen.
Schlüsselwörter
Wortwolke

Stilmittel
- Bildsprache
- mög uns sein Frieden eigen sein
- Metapher
- leicht Gebein
- Personifikation
- siegt der Tod
- Vergleich
- die Äuglein wie ein goldnes Erz