Die kleine Blanche

Conrad Ferdinand Meyer

1882

An dem kleinen Hofe von Navarra War das Leben eine lose Fabel, Eine drohnde oder heitre Maske Eine überraschende Novelle, Ein phantastisch wahrheitsloses Schauspiel. - Der am Hofe war auf kurzen Urlaub, Hauptmann Duplessis sass vor der Bühne, Drauf ein Mädchen an verratner Liebe Starb. Im letzten Akte lag sie marmorn Auf dem Grabmal als ihr eigen Bildnis, Schluchzend rang die Hände der Verräter, Sieh! da hob sie sachte sich und lebte. Andern Tages wandelte der Hauptmann In des Schlosses irrsam dunkeln Gärten, An die zarte kleine Blanche denkend, Die er schnell geküsst und schnell verraten - Etwas sieht er schimmern durch Zypressen: Auf dem Grabmal liegt die kleine Blanche Marmorn. An dem Sockel ist zu lesen: “Blanche schlummert nach verratner Liebe.” “Heb dich, kleine Blanche!” ruft der Hauptmann, “Wickle dich aus deinen weissen Tüchern! Spiel nicht mit dem Tode, kleine Blanche!” Doch der Marmor fühlte nichts. Es fühlte Nichts, die drunter schläft. Sie starb im Ernste.

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Illustration zu Die kleine Blanche

Interpretation

Das Gedicht "Die kleine Blanche" von Conrad Ferdinand Meyer erzählt von der tragischen Geschichte eines Mädchens namens Blanche, das am Hofe von Navarra lebt. Das Leben am Hofe wird als eine Art Theaterstück beschrieben, in dem Blanche die Hauptrolle spielt. Sie stirbt an verratener Liebe und wird auf ihrem Grabmal als marmornes Abbild ihrer selbst dargestellt. Im letzten Akt des Stücks erhebt sie sich jedoch wieder zum Leben und lässt den Verräter weinen. Am nächsten Tag wandelt Hauptmann Duplessis, der Blanche schnell geküsst und verraten hat, durch die dunklen Gärten des Schlosses und denkt an sie. Er sieht etwas durch die Zypressen schimmern und entdeckt Blanche auf ihrem Grabmal, marmorn und reglos. Er ruft sie auf, sich aus ihren weißen Tüchern zu wickeln und nicht mit dem Tod zu spielen. Doch der Marmor und Blanche selbst fühlen nichts mehr. Sie ist wirklich gestorben. Das Gedicht thematisiert die Vergänglichkeit des Lebens und die Konsequenzen von Verrat und Verlust. Blanche wird als unschuldiges Opfer dargestellt, das an gebrochenem Herzen stirbt. Die Beschreibung des Lebens am Hofe als Theaterstück unterstreicht die Oberflächlichkeit und das Fehlen von Authentizität in dieser Welt. Hauptmann Duplessis erkennt zu spät die Tragweite seines Handelns und bereut seinen Verrat. Das Gedicht regt zum Nachdenken über die Bedeutung von Liebe, Treue und Verantwortung an.

Schlüsselwörter

blanche kleine hauptmann hofe verratner liebe starb marmorn

Wortwolke

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Stilmittel

Alliteration
Sachte sich und lebte
Bildsprache
An der kleinen Blanche denkend, Die er schnell geküsst und schnell verraten
Hyperbel
Irrsam dunkeln Gärten
Kontrast
Doch der Marmor fühlte nichts. Es fühlte Nichts, die drunter schläft
Metapher
War das Leben eine lose Fabel
Personifikation
Eine überraschende Novelle, Ein phantastisch wahrheitsloses Schauspiel
Wiederholung
Kleine Blanche