Die Kirmes
1836Das ist ein Geigen und Flöten Bis über das Dorf hinaus: Sie feiern die Kirmes heute Mit Tanz und Spiel und Schmaus.
Wenn ich ein Mädchen wäre, So schaut′ ich die Burschen an, Doch jetzt betracht′ ich die Mädchen, Ein Mann sucht keinen Mann!
Die Blonde hat mir gefallen, Solang′ ich die Braune nicht sah, Jetzt ist mir, als hätt′ ich gesündigt, Ei, war sie denn schon da?
Es darf sie nur einer küssen, Doch jeder tanzt mit ihr, Und auch den plattsten Gesellen Vergoldet ihr Auge mir.
Und schlägt sie′s erglühend nieder, Weil sie des Sponsen sich schämt, Erhebt er dafür das seine, Man sieht, daß ihn′s nicht grämt.
Und dies gefällt mir eben, Er fühlt die Ehre doch, Und denkt er daran im Alter, So steift sich sein Rücken noch.
Im Alter, ach, im Alter! Ja, ja, wir werden alt! Er, ich, du selbst, wir alle, Wir werden alt und kalt!
Die Kinder stecken des Abends Zuweilen Papier in Brand Und legen′s auf den Ofen Und kauern sich um den Rand.
Sie freun sich der hüpfenden Funken Mit Grau und Schwarz vermischt, Und wetten, wer von allen Am letzten wohl verlischt.
Wir hüpfen, wie diese Funken, Über der Erde Rund Und leuchten vielleicht am hellsten In dieser frohen Stund′.
Wer weiß, wer von uns allen Zuletzt erlöschen mag? Der weiß auch, wer am längsten Erzählt von diesem Tag!
Du schönstes Kind, ich ahne, Das wirst du selber sein, Ich sehe dich, wie doppelt, Maifrisch, und alt, wie Stein.
Jetzt drehst du dich im Reigen, So reizend und geschwind, Wie dort das Rosenblättchen Im Sommerabendwind.
Jetzt hockst du blind im Lehnstuhl, Die Enkel um dich her, Du sprichst von diesem Tage, Sie glauben, von einer Mär′.
Du streichelst mit knöchernem Finger Die Enkelin, die dir gleicht, Du sagst: ich war dir ähnlich, So jung, so schön, so leicht!
Sie aber kann′s nicht glauben, Und das verdenk′ ich ihr nicht, Sie müßte sich sagen: ich selber Bekomm′ einst ein solches Gesicht!
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Interpretation
Das Gedicht "Die Kirmes" von Friedrich Hebbel beschreibt die Freude und Vergänglichkeit des Lebens anhand einer Dorfkirmes. Der Sprecher beobachtet die Feierlichkeiten und reflektiert über die Anziehungskraft der jungen Frauen, die für ihn als Mann von besonderem Interesse sind. Er beschreibt die Schönheit der Mädchen und die Aufmerksamkeit, die sie von den Männern erhalten. Dabei wird deutlich, dass die Jugend eine Zeit voller Leidenschaft und Anziehung ist, in der jeder nach Aufmerksamkeit und Zuneigung strebt. In den mittleren Strophen des Gedichts wird der Vergleich zwischen den tanzenden Menschen und Funken gezogen, die auf einem Ofen brennen. Dieser Vergleich verdeutlicht die Vergänglichkeit des Lebens und die Tatsache, dass jeder Mensch nur eine begrenzte Zeit auf der Erde leuchtet. Der Sprecher fragt sich, wer von ihnen am längsten leuchten wird und wer am Ende dieser fröhlichen Stunde noch übrig sein wird. Im letzten Teil des Gedichts wird die Zukunft einer jungen Frau vorausgesagt, die heute die schönste auf der Kirmes ist. Der Sprecher imaginiert sie als alte Frau, die ihren Enkeln von diesem Tag erzählt, der für sie wie ein Märchen klingt. Die Enkelin kann sich nicht vorstellen, dass ihre Großmutter einmal so jung und schön war wie sie selbst. Dieser Gedanke führt zu der Erkenntnis, dass jeder Mensch im Laufe seines Lebens die gleichen Veränderungen durchläuft und dass die Jugend vergänglich ist.
Schlüsselwörter
Wortwolke

Stilmittel
- Alliteration
- Die Wiederholung des 's'-Lautes in 'schaut′ ich die Burschen an' und 'Solang′ ich die Braune nicht sah'.
- Anapher
- Die Wiederholung des Wortes 'Jetzt' am Anfang der Zeilen 10 und 13.
- Bildsprache
- Das Bild des 'Rosenblättchens' in Zeile 38 vermittelt ein Gefühl von Zerbrechlichkeit und Vergänglichkeit.
- Direkte Rede
- Die Enkelin spricht in den Zeilen 45-46 direkt zu ihrer Großmutter.
- Enjambement
- Die Gedanken und Sätze laufen über die Zeilengrenzen hinweg, wie in den Zeilen 1-2: 'Das ist ein Geigen und Flöten / Bis über das Dorf hinaus:'.
- Hyperbel
- Die Übertreibung in 'So steift sich sein Rücken noch' deutet auf eine übertriebene Reaktion auf eine Erinnerung hin.
- Ironie
- Der Sprecher ironisiert die Eitelkeit der Menschen, indem er beschreibt, wie eine Frau jedem Mann schmeichelt, auch dem 'plattsten Gesellen'.
- Kontrast
- Der Kontrast zwischen Jugend und Alter wird in den Zeilen 37-42 deutlich, wo die gleiche Person als jung und alt beschrieben wird.
- Metapher
- Das Leben wird mit einem Feuer verglichen, das erlischt: 'Und wetten, wer von allen / Am letzten wohl verlischt.'
- Personifikation
- Die Funken werden als 'hüpfend' beschrieben, was ihnen eine menschenähnliche Bewegung verleiht.
- Refrain
- Die Zeilen 29-30 'Im Alter, ach, im Alter! / Ja, ja, wir werden alt!' werden als Refrain wiederholt.
- Reimschema
- Das Gedicht folgt einem durchgehenden Reimschema, wobei die Endworte der Zeilen sich reimen (z.B. 'aus' - 'Schmaus', 'an' - 'Mann').
- Sprachliche Bilder
- Das Bild des 'knöchernen Fingers' in Zeile 44 vermittelt ein Gefühl von Alter und Gebrechlichkeit.
- Symbolik
- Die Kirmes symbolisiert das Leben und seine Vergänglichkeit, wie in den Zeilen 29-32 deutlich wird.
- Vergleich
- Der Sprecher vergleicht sich und andere mit Funken: 'Wir hüpfen, wie diese Funken,'.
- Vorahnung
- Der Sprecher ahnt, dass das schönste Kind im Gedicht selbst alt werden wird, wie in den Zeilen 33-36 beschrieben.