Die Kindsmörderin

Friedrich von Schiller

1782

Horch - die Glocken weinen dumpf zusammen, Und der Zeiger hat vollbracht den Lauf. Nun, so sei’s denn! - Nun, in Gottes Namen! Grabgefährten, brecht zum Richtplatz auf! Nimm, o Welt, die letzten Abschiedsküsse, Diese Tränen nimm, o Welt, noch hin! Deine Gifte - o sie schmeckten süße! Wir sind quitt, du Herzvergifterin.

Fahret wohl, ihr Freuden dieser Sonne, Gegen schwarzen Moder umgetauscht! Fahre wohl, du Rosenzeit voll Wonne, Die so oft das Mädchen lustberauscht! Fahret wohl, ihr goldgewebten Träume, Paradieseskinder-Phantasien! Weh! sie starben schon im Morgenkeime, Ewig nimmer an das Licht zu blühn.

Schön geschmückt mit rosenroten Schleifen Deckte mich der Unschuld Schwanenkleid, In der blonden Locken loses Schweifen Waren junge Rosen eingestreut: - Wehe! - die Geopferte der Hölle Schmückt noch itzt das weißlichte Gewand, Aber ach! - der Rosenschleifen Stelle Nahm ein schwarzes Totenband.

Weinet um mich, die ihr nie gefallen, Denen noch der Unschuld Lilien blühn, Denen zu dem weichen Busenwallen Heldenstärke die Natur verliehn! Wehe! - menschlich hat dies Herz empfunden!- Und Empfindung soll mein Richtschwert sein!- Weh! vom Arm des falschen Manns umwunden, Schlief Louisens Tugend ein.

Ach vielleicht umflattert eine andre, Mein vergessen, dieses Schlangenherz, Überfließt, wenn ich zum Grabe wandre, An dem Putztisch in verliebten Scherz? Spielt vielleicht mit seines Mädchens Locke? Schlingt den Kuss, den sie entgegenbringt? Wenn, verspritzt auf diesem Todesblocke, Hoch mein Blut vom Rumpfe springt.

Joseph! Joseph! auf entfernte Meilen Folge dir Louisens Totenchor, Und des Glockenturmes dumpfes Heulen Schlage schröcklich mahnend an dein Ohr - Wenn von eines Mädchens weichem Munde Dir der Liebe sanft Gelispel quillt, Bohr es plötzlich eine Höllenwunde In der Wollust Rosenbild!

Ha Verräter! nicht Louisens Schmerzen? Nicht des Weibes Schande, harter Mann? Nicht das Knäblein unter meinem Herzen? Nicht was Löw und Tiger milden kann? Seine Segel fliegen stolz vom Lande, Meine Augen zittern dunkel nach, Um die Mädchen an der Seine Strande Winselt er sein falsches Ach!–

Und das Kindlein - in der Mutter Schoße Lag es da in süßer, goldner Ruh, In dem Reiz der jungen Morgenrose Lachte mir der holde Kleine zu, Tödlichlieblich sprang aus allen Zügen Des geliebten Schelmen Konterfei; Den beklommnen Mutterbusen wiegen Liebe und - Verräterei.

“Weib, wo ist mein Vater?” lallte Seiner Unschuld stumme Donnersprach, “Weib, wo ist dein Gatte?” hallte Jeder Winkel meines Herzens nach - Weh, umsonst wirst, Waise, du ihn suchen, Der vielleicht schon andre Kinder herzt, Wirst der Stunde unsrer Wollust fluchen, Wenn dich einst der Name Bastard schwärzt.

Deine Mutter - o im Busen Hölle!- Einsam sitzt sie in dem All der Welt, Durstet ewig an der Freudenquelle, Die dein Anblick fürchterlich vergällt. Ach, in jedem Laut von dir erwachet Toter Wonne Qualerinnerung, Jeder deiner holden Blicke fachet Die unsterbliche Verzweifelung.

Hölle, Hölle, wo ich dich vermisse, Hölle, wo mein Auge dich erblickt, Eumenidenruten deine Küsse, Die von seinen Lippen mich entzückt! Seine Eide donnern aus dem Grabe wieder, Ewig, ewig würgt sein Meineid fort, Ewig - hier umstrickte mich die Hyder - Und vollendet war der Mord -

Joseph! Joseph! auf entfernte Meilen Jage dir der grimme Schatten nach, Mög mit kalten Armen dich ereilen, Donnre dich aus Wonneträumen wach, Im Geflimmer sanfter Sterne zucke Dir des Kindes krasser Sterbeblick, Es begegne dir im blutgen Schmucke, Geißle dich vom Paradies zurück.

Seht, da lag es - lag im warmen Blute, Das noch kurz im Mutterherzen sprang, Hingemetzelt mit Erinnysmute, Wie ein Veilchen unter Sensenklang; – Schröcklich pocht schon des Gerichtes Bote, Schröcklicher mein Herz! Freudig eilt’ ich, in dem kalten Tode Auszulöschen meinen Flammenschmerz.

Joseph! Gott im Himmel kann verzeihen, Dir verzeiht die Sünderin. Meinen Groll will ich der Erde weihen, Schlage, Flamme, durch den Holzstoß hin - Glücklich! Glücklich! Seine Briefe lodern, Seine Eide frisst ein siegend Feur, Seine Küsse! - wie sie hochan flodern!- Was auf Erden war mir einst so teur?

Trauet nicht den Rosen eurer Jugend, Trauet, Schwestern, Männerschwüren nie! Schönheit war die Falle meiner Tugend, Auf der Richtstatt hier verfluch ich sie!- Zähren? Zähren in des Würgers Blicken? Schnell die Binde um mein Angesicht! Henker, kannst du keine Lilie knicken? Bleicher Henker, zittre nicht!—

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Illustration zu Die Kindsmörderin

Interpretation

Das Gedicht "Die Kindsmörderin" von Friedrich von Schiller ist ein dramatisches Monolog, das die innere Zerrissenheit und den tragischen Untergang einer Frau schildert. Die Sprecherin, eine Kindsmörderin, steht kurz vor ihrer Hinrichtung und reflektiert über ihr Leben, ihre Liebe und ihre Taten. Das Gedicht beginnt mit einem düsteren Ton, der die bevorstehende Hinrichtung ankündigt, und die Sprecherin verabschiedet sich von der Welt und ihren Freuden. Im weiteren Verlauf des Gedichts enthüllt die Sprecherin die Gründe für ihre Tat. Sie wurde von einem Mann betrogen, der sie verließ und ein Kind mit ihr zeugte. Die Sprecherin fühlt sich von der Gesellschaft verurteilt und von ihrem Geliebten verlassen. Ihre Liebe und Unschuld wurden durch die Erfahrung der Untreue und des Verrats zerstört. Die Sprecherin beschreibt ihre Verzweiflung und den Schmerz, den sie empfindet, als sie realisiert, dass ihr Kind in einer Welt ohne Vater aufwachsen wird. Das Gedicht endet mit der Hinrichtung der Sprecherin. Sie verbrennt die Briefe und Eide ihres Geliebten und verflucht die Schönheit, die sie in die Falle der Untreue gelockt hat. Die Sprecherin warnt andere Frauen vor den falschen Versprechungen der Männer und vor der zerstörerischen Kraft der Liebe. Das Gedicht ist eine eindringliche Darstellung der Konsequenzen von Verrat und gesellschaftlicher Verurteilung, die zu einem tragischen Ende führen.

Schlüsselwörter

ewig hölle joseph welt weh unschuld louisens vielleicht

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Stilmittel

Anapher
Fahret wohl, ihr Freuden dieser Sonne
Hyperbel
Deine Gifte - o sie schmeckten süße!
Metapher
Bleicher Henker
Personifikation
Horch - die Glocken weinen dumpf zusammen