Die Kinderjahre
1912Uie Pappelweide zittert Vom Abendschein durchblinkt, Wo, von Jasmin umgittert, Die Laube traulich winkt, Und mit gellochtnem Pfortchen, Das auf den Weiher sieht, Ein ländlichstilles Gärtchon Die Halmenhütt′ umblüht.
Vom Opfer des Atriden Im goldnen Opernsaal Eilt′ ich zu deinem Frieden, Umbüschtes Rhonethal!
Nach Einsamkeit nur schmachtend Wähl′ ich die Gartenthür, Der Landschaft Reiz betrachtend, Zur Opernloge mir.
Dies Dach mit dunkeim Mose, Dies frische Rebengrün, Dies Beet wo Malv′ und Rose Und Nachtviole blühn; Die unbeschorne Hecke, Der Hopfenranke Wehn, Der Hof wo Bienenstöcke Im Fliederschalten stehn;
Der Brunnenröhre Rauschen, Die Scheur′ am Haselzaun, Wo Täubchen Küsse tauscnen Und treue Schwalben bann:
Dies alles zaubert, milder Als Abendsonnenblick, Die rosenfarbnen Bilder Der Kindheit mir zurück.
Du, deren goldnem Stabe
Die Nebelsäule weicht, Die aus dem dunkeln Grabe Geschiedner Jahre steigt, O Fantasie! erhelle Der ersten Pfade Spur Und jede Blnmenstelle Der väterlichen Flur.
Ich seh′ des′ Dorfes Weiden, Des Wiesenbaches Rand, Wo ich die ersten Freuden, Den ersten Schmerz empfand;
Den Plaz, wo, unter Maien, Auf weifsbeblümtem Plan, Beim Jubel der Schallmeicn, Der Mondscheintanz begann;
Den Hag, wo Nachbars Lotte Zur Veilchenlese kam, Den Teich, wo meine Flotte Von Tannenborke schwamm; Die alten Eichenstümpfe Am schilfumrauschlcn Moor, Die blaue Wassernymfe Gewiegt am schlanken Rohr;
Die Au′, wo ich, am Bache, Mir Zweigpaläste wob, - Wo der papierne Drache Sich in die Lüft′ erhob;
Des Meierhofes Hügel , Im stillen Fruchtbaumhain, Der Mühle rasche Flügel Am saatengiunen Rain
Die Sträuche, wo die Schlinge Den Zeisig oft betrog, Wo nach dem Schmetterlinge Mein leichter Strohhut flog; Das Rohrdach dessen Nester Ich ritterlich verfocht, Die Bank wo meine Schwester Cyanenkränze flocht;
Das Beet, wo, frisch wie Hebe. Im weißsen Lenzgewand, Sie an bemalte Stäbe Levkoj′ und Nelke band;
Die Schule, dumpf und düster, Umrankt von Wintergrün, Wo uns der ernste Küster Ein Weltgebieter schien.
Ich seh′ des Kirchhofs Bäume, Der Gräber hohes Gras, Wo ich so oft die Reime Der Leichensteine las; Das Flittergold im Kranze An junger Bräute Gruft, Im bleichen Vollmondglanze Ein Spiel der Sommerluft;
Den Steintisch, wo der Krieger, Ein Held bey Sorr und Prag, Von Roßbachs großem Sieger, Von Kleist und Ziethen sprach;
Die Tenne, wo der Schnitter Sein braunes Mädchen schwang, Wann froh des Bergmanns Zitter Zum Erntereihm erklang;
Den Brettersiz am Weiher, Seit grauer Väterzeit Dem Spiel der rothen Eier Am Ostertag geweiht; Die Laube von Hollunder, Wo, auf der Rasenbank, Ich einsam in die Wunder Der Feenwelt versank.
Da glaubt′ ich grüne Zwerge Mit diamantnem Speer Und vom Magnetenberge Die schauerliche Mähr;
Die Hütte ward zum Schlosse, Der Teich zum Silbersee, Mein Steckenpferd zum Rosse, Die Nachtigall zur Fee.
Da spottet′ ich der Nebel Von Grillenfang und Gram, Selbst wann im Kampf den Säbel Der stolze Feind mir nahm; Wann ich der Schwester Freude, Den Hänfling, sterbend fand, Und, ach! das Roth am Kleide Der Bleisoldaten schwand.
Da war, im Abendscheine, Ein stilles Veilchenthal Am Nachtigallenhaine Mir Ball- und Opernsaal!
Der Seifenblase Schimmer Entzückte königlich, Wie nie die Demantflimmer Der Maskentänze, mich.
Da fühlt′ ich von Verlangen, Sah′ ich am Himmelszelt Die goldnen Lampen prangen, Mein ahndend Herz geschwellt: Doch mehr denn Stern′ und Sonne War in des Mondes Rund Der Jäger meine Wonne Mit Dornenbusch und Hund.
Da schien der Geisterweihe Geförchtetes Revier, Des Brockens ferne Bläue, Des Weltalls Grenze mir;
Ich wußte von den Kreisen Der Erd′ und ihrem Gleis, Was ich vom Stein der Weisen Und von Heraldik weiis.
Da floß mir keine Zähre, Neapels Götteraun, Verklärung, Belvedere Und Kapitol zu schaun; Es war die Tußteinhöle Zum Kunstsaal mir genug, Und meine Rafaele Fand ich im Ritterbuch.
Da wurde, von den Flocken Des Januars umstürmt, Mit jubelnden Frolocken Der Schneemann aufgethürmt!
Den Kirchenhügel glitten, Gelenkt vom Eisenstab, Im zefyrleichten Schlitten Wir pfeilgeschwind hinab.
Im öden Weltgewühle Hebt Wehmut meine Brust, Denk′ ich der Knabenspiele Und ihrer Götterlust! Zu schnell verrauschte Jahre Der Unbefangenheit, Was, zwischen Wieg′ und Bahre Gleicht eurer Seligkeit?
O väterliche Fluren! Welch Tempe, welche Schweiz Trägt eurer Wonnespuren Unsäglich holden Reiz?
Hoch auf beschneiten Gipfeln Und auf erzürntem Meer Weht sanft ans euern Wipfeln Erquickung zu mir her!
Wann mondlos mich die Hülle Der Mitternacht umwallt, Und durch die Todtenstille Nur meine Klage schallt, Lacht mir von euern Grenzen Ein Stral von Seelenruh′, Wie abendliches Glänzen Nach Ungewittern, zu.
Durchsegle kühn die Meere Wie Cook und Magellan; Erfleug′ das Ziel der Ehre Auf nie beflogner Bahn;
Erblick′,, ein Stolz der Musen Dein Bild in Erz und Stein; Ruh′ an Cytherens Busen In Amors Mirtenhain;
Gieb Königen Geseze; Sei Herr von Perus Gold; Gebeut im Reich der Schäze Die uns Golkonda zollt; Vereine was auf Thronen Der Erdball staunend preist Und beide Lorbeerkronen Wie Friederich und Kleist:
Umsonst! der Sorgen Heere Durchschwärmen, ohne Rast, Den Glanz am Ziel der Ehre, Den Goldsaal im Palast!
Bei Todis Zauberkehle Bleibst du in Gram verhüllt, Du strebst nach Ruh der Seele Und greifst ein Schattenbild!
Entflohn dem Kriegsgetümmel Trübt Unmuth deinen Blick; Umglänzt vom Alpenhimmel Verklagst du dein Geschick; Du spähst auf fernem Boden Des Friedens dunkle Spur: Betrogner, ach! sein Oden Umweht die Kindheit nur.
Sie sieht im Frühlingshaine All′ ihre Freuden blühn! Es wallt in Rosenscheine Ihr Blumenleben hin!
Nie hat der Gott der Zeiten, Der Unschuld ewig hold, Das Buch der Möglichkeiten Vor ihrem Blick entrollt!
Ach! bis zu Charons Kahne Schweift unsrer Wünsche Noth; Der Kindheit leichte Plane Begrenzt das Abendroth! Wir ahnden Sturm und Klippen Bei frühlingsheitrer Fahrt: Sie hängt mit Bienenlippen Nur an der Gegenwart!
Das Gedicht als Bild, zum Downloaden und Teilen

Interpretation
Das Gedicht "Die Kinderjahre" von Friedrich von Matthisson ist eine lyrische Betrachtung über die Kindheit und ihre vermeintliche Glückseligkeit im Vergleich zum Erwachsenenalter. Der Dichter sehnt sich nach der Einfachheit und Unbeschwertheit seiner Kindheit zurück, die er als eine Zeit der Unschuld und der unbegrenzten Möglichkeiten empfindet. Matthisson malt ein idyllisches Bild der Kindheit, in der die Natur und die Fantasie eine große Rolle spielen. Er beschreibt die Schönheit der Landschaft, die Ruhe des Dorfes und die Freude an einfachen Dingen wie dem Spielen im Freien, dem Beobachten von Tieren und dem Träumen von Abenteuern. Die Kindheit wird als eine Zeit dargestellt, in der die Sorgen und Ängste des Erwachsenenalters noch weit entfernt sind und in der die Welt voller Wunder und Magie erscheint. Der Dichter kontrastiert die Kindheit mit dem Erwachsenenalter, das er als eine Zeit der Enttäuschung und des Verlustes der Unschuld empfindet. Er beschreibt die Erwachsenen als Menschen, die von Ehrgeiz, Machtstreben und materiellen Wünschen getrieben sind, aber letztendlich unglücklich und unzufrieden bleiben. Matthisson betont, dass die Kindheit eine einzigartige und kostbare Zeit ist, die nicht wiederhergestellt werden kann und die im Erwachsenenalter nur noch als schöne Erinnerung existiert.
Schlüsselwörter
Wortwolke

Stilmittel
- Alliteration
- Den Dorfes Weiden
- Anspielung
- Wie Cook und Magellan
- Euphemismus
- Zu schnell verrauschte Jahre Der Unbefangenheit
- Hyperbel
- Hoch auf beschneiten Gipfeln
- Kontrast
- Da glaubt′ ich grüne Zwerge Mit diamantnem Speer
- Metapher
- Die rosenfarbnen Bilder Der Kindheit mir zurück
- Oxymoron
- Die Nebelsäule weicht
- Personifikation
- Die Nebelsäule weicht
- Symbolik
- Die goldnen Lampen prangen
- Synästhesie
- Der Abendschein durchblinkt
- Vergleich
- Wie Abendsonnenblick