Die Kathedrale

Rainer Maria Rilke

1875

In jenen kleinen Städten, wo herum die alten Häuser wie ein Jahrmarkt hocken der sie bemerkt hat plötzlich und, erschrocken, die Buden zumacht und, ganz zu und stumm,

die Schreier still, die Trommel angehalten, zu ihr hinaufhorcht aufgeregten Ohrs -: dieweil sie ruhig immer in dem alten Faltenmantel ihrer Contreforts

dasteht und von den Häusern gar nicht weiß: in jenen kleinen Städten kannst du sehn, wie sehr entwachsen ihrem Umgangskreis die Kathedralen waren. Ihr Erstehn

ging über alles fort, so wie den Blick des eignen Lebens viel zu große Nähe fortwährend übersteigt, und als geschähe nichts anderes; als wäre Das Geschick,

was sich in ihnen aufhäuft ohne Maßen, versteinert und zum Dauernden bestimmt, nicht Das, was unten in den dunkeln Straßen vom Zufall irgendwelche Namen nimmt

und darin geht, wie Kinder Grün und Rot und was der Krämer hat als Schürze tragen. Da war Geburt in diesen Unterlagen, und Kraft und Andrang war in diesem Ragen und Liebe überall wie Wein und Brot, und die Portale voller Liebesklagen. Das Leben zögerte im Stundenschlagen, und in den Türmen, welche voll Entsagen auf einmal nicht mehr stiegen, war der Tod.

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Illustration zu Die Kathedrale

Interpretation

Das Gedicht "Die Kathedrale" von Rainer Maria Rilke beschreibt die Beziehung zwischen kleinen Städten und ihren Kathedralen. Die Kathedralen stehen als monumentale, zeitlose Strukturen inmitten der vergänglichen und bescheidenen Häuser der Stadt. Sie sind so groß und erhaben, dass sie den Rahmen des Alltäglichen sprengen und eine fast übernatürliche Präsenz ausstrahlen. Die Kathedralen werden als Symbole für das Ewige und Unveränderliche dargestellt, im Gegensatz zum flüchtigen Leben der Menschen in den Straßen. Während das Leben unten von Zufällen und alltäglichen Ereignissen geprägt ist, verkörpern die Kathedralen etwas Beständiges und Schicksalhaftes. Sie sind Zeugen von Geburt, Kraft, Liebe und Tod, die in ihrer Größe und Bedeutung alles übersteigen, was im alltäglichen Leben geschieht. Die Kathedralen werden als Orte dargestellt, an denen das Leben innehält und das Schicksal sich manifestiert. Sie sind voller Liebesklagen und tragen die Last des menschlichen Daseins. Der Tod wird in den Türmen der Kathedralen symbolisiert, die plötzlich aufhören zu wachsen, was die Endlichkeit und Vergänglichkeit des Lebens unterstreicht.

Schlüsselwörter

jenen kleinen städten alten herum häuser jahrmarkt hocken

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Stilmittel

Bildsprache
Die Trommel angehalten, zu ihr hinaufhorcht aufgeregten Ohrs
Hyperbel
Ihr Erstehn ging über alles fort
Kontrast
Das Leben zögerte im Stundenschlagen, und in den Türmen war der Tod
Metapher
Die alten Häuser hocken wie ein Jahrmarkt
Personifikation
Die Kathedrale steht ruhig in ihrem Faltenmantel
Symbolik
Liebe überall wie Wein und Brot
Vergleich
Wie Kinder Grün und Rot und was der Krämer hat als Schürze tragen