Die Kaisergruft in Speyer
1815Wie öde trauert diese heil′ge Welt Im zweifelhaften Schein der Tageshelle, Die dämmernd durch die Bogenfenster fällt Und zitternd schleicht um Altar und Kapelle.
Bisweilen nur, unheimlich wie im Traum, Scheint sich der Tempel wundersam zu regen, Ein innres Atmen den geweihten Raum Mit geisterhaftem Leben zu bewegen.
Dann hört man durch die Stille dumpf und schwer Verloren einzle Glockenklänge hallen, Wie vor dem Sturme auf ein schweigend Meer Die Tropfen der Gewitterwolke fallen.
Ein bleiches Weib, ein Geist vom Ehedem, Wallt durch den Dom; gelöst sind ihre Haare, Halb von der Stirne sank das Diadem, Ein Trauerkleid umfließt die Wunderbare.
Gebrochnen Schrittes wankt sie hin; sie blickt Die Kaisersärge an mit stummem Harme Und hebt mit Klagerufen, halb erstickt, Um Rache flehend himmelwärts die Arme.
Da aus der Orgel bricht ein mächt′ger Schall, Ein Sterbeseufzer, ihrer Brust entquollen, Der bei der Säulengänge Wiederhall Durch das Gewölbe schleicht mit dumpfem Rollen.
Und von dem Riesenklang erbebt das Licht Der Lampen, die auf den Altären schimmern, Daß geisterhaft, wohin es zitternd bricht, Die Kreuze und die Leichensteine flimmern.
In dichtern Tropfen aus den Pfeifen träuft′s, Und durch die Hallen schweben dunkle Schatten, Und zwischendrein vernimmt man das Geseufz Der Toten unter ihren Marmorplatten.
Bald wieder alles stille wie zuvor! Rings Nacht und Schweigen in den öden Mauern; Nur Kreuze, eingehüllt in schwarzen Flor, Und Heil′ge, die in ihren Nischen trauern.
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Interpretation
Das Gedicht "Die Kaisergruft in Speyer" von Adolf Friedrich Graf von Schack zeichnet ein düsteres und gespenstisches Bild der Kaisergruft in Speyer. Die Atmosphäre ist von Trauer und Verlassenheit geprägt, die durch das zweifelhafte Tageslicht und die düsteren Bogenfenster verstärkt wird. Die Stimmung wird durch das unheimliche Erwachen des Tempels und das geisterhafte Leben, das sich in den geweihten Räumen regt, noch intensiviert. Die Glockenklänge, die durch die Stille hallen, tragen zur unheimlichen Atmosphäre bei und erinnern an die Tropfen, die vor einem Sturm auf das Meer fallen. Ein bleiches, geisterhaftes Weib, das durch den Dom wandert, verstärkt das morbide Bild. Ihr gebrochener Schritt und ihr stummer Kummer, während sie die Kaisersärge betrachtet, symbolisieren die Trauer um die vergangene Herrlichkeit und Macht. Ihre Klagerufe und die flehenden Arme nach Rache zeigen die tiefe Verzweiflung und den Wunsch nach Gerechtigkeit oder Vergeltung. Die mächtige Orgel, die einen Sterbeseufzer ausstößt, verstärkt die dramatische Stimmung und lässt die Kreuze und Leichensteine flimmern, als ob sie von geisterhaftem Leben erfüllt wären. Die dichten Tropfen, die aus den Pfeifen träufeln, und die dunklen Schatten, die durch die Hallen schweben, tragen zur unheimlichen Atmosphäre bei. Das Seufzen der Toten unter ihren Marmorplatten lässt die Grenze zwischen den Lebenden und den Toten verschwimmen. Schließlich kehrt die Stille zurück, und die Nacht und das Schweigen umhüllen die öden Mauern. Die Kreuze, eingehüllt in schwarzen Flor, und die trauernden Heiligen in ihren Nischen lassen die Gruft als einen Ort ewiger Trauer und Erinnerung erscheinen.
Schlüsselwörter
Wortwolke

Stilmittel
- Metapher
- Heil'ge, die in ihren Nischen trauern
- Personifikation
- Scheint sich der Tempel wundersam zu regen
- Vergleich
- Daß geisterhaft, wohin es zitternd bricht