Die Jungfrau
1897Halbdunkel schon über den Thälern; Wolken, in schwerem Zuge Von Klippe zu Klippe sich wälzend; Um mich zerrissene Schluchten Und Meere von Stein, deren Wogen Seit dem letzten Weltorkan nicht mehr branden; Hin schweift mein Blick Ueber Oeden, nur von Adlern bewohnt, Empor zu den Felsensteilen, Wo die Riesentannen, Gleich Giganten der Vorzeit Hoch und höher im Himmelssturme klimmend, Sich im wallenden Dunste verlieren.
Doch sieh! zu wirbeln, zu wogen Beginnt das Gewölk; Die Nebeldecke zerreißt, Und durch die stäubenden Flocken Fern in der blauen Unendlichkeit - Welcher Silberglanz, Das Auge mit Strahlenschimmer blendend! Sie ist es, sie ist′s, der Berge hohe Königin, Auf ihrem Gletscherthrone, Hoch über die Erde den mächtigen Scheitel erhebend, Die riesigen Glieder Von Schneegewanden umwallt.
Schon schweigend zu ihren Füßen Lagert die Nacht; Doch weithin im Strahle der sinkenden Sonne Blitzt auf ihrem Haupt die Demantenkrone, Und, in Nebel zerflatternd, enthüllt Der Schleier das majestätische Antlitz. Ueber die Stirn ihr gleitet Bleich und golden rot Ein wechselnder Schimmer. Plötzlich erblassend Vor den gähnenden Tiefen des Alls, In die der Blick ihr hinunterstarrt, Scheint sie zurückzubeben; Dann wieder umfliegt Ein rosiger Glanz ihr die Züge, Wie Widerschein von Gedanken und Träumen, Die ihr durch die Seele ziehen.
Giebt sie mit Geistern anderer Welten Sich Flammenzeichen? Oder gewahrt ihr Auge Jenseits der Erde Ungeahnte Geheimnisse, Daß süßes Erschrecken Die Wangen ihr rötet?
Doch der Schimmer erlischt; Höher empor auf den Nebeln flutet die Nacht, Und, den sterblichen Blicken entrückt, Mit den Sternen dort oben Hält die Königin Zwiegespräch.
Das Gedicht als Bild, zum Downloaden und Teilen

Interpretation
Das Gedicht "Die Jungfrau" von Adolf Friedrich Graf von Schack beschreibt eine eindrucksvolle Naturszene in den Bergen. Der Sprecher befindet sich in einer düsteren, zerklüfteten Landschaft aus Felsen und Steinen, die von Adlern bewohnt wird. In der Ferne erhebt sich majestätisch ein schneebedeckter Berg, die "Jungfrau" genannt, die wie eine Königin auf ihrem Gletscherthron thront. Die Stimmung wechselt, als sich die Wolken lichten und die Jungfrau im letzten Licht der untergehenden Sonne erstrahlt. Ihr Haupt funkelt wie mit Diamanten besetzt, ihr Antlitz zeigt sich im wechselnden Schein von blass und goldenrot. Der Sprecher deutet diese Farbenspiel als Ausdruck von Gedanken und Träumen, die die Jungfrau durchzucken. Er fragt sich, ob sie mit Geistern anderer Welten in Verbindung steht oder ungeahnte Geheimnisse jenseits der Erde wahrnimmt. Zum Schluss senkt sich die Nacht hernieder und hüllt die Jungfrau in Dunkelheit. Mit den Sternen oben am Himmel hält sie nun ein Zwiegespräch, das für sterbliche Augen nicht mehr sichtbar ist. Das Gedicht endet mit dem ehrfurchtgebietenden Bild einer Bergriesin, die in den unendlichen Weiten des Kosmos versunken scheint.
Schlüsselwörter
Wortwolke

Stilmittel
- Alliteration
- Die Wiederholung von Konsonanten, wie in 'schwerem Zuge' und 'stürmischen Sturme', verstärkt den Rhythmus und die Klangqualität des Gedichts.
- Bildsprache
- Die detaillierten Beschreibungen wie 'Wolken, in schwerem Zuge Von Klippe zu Klippe sich wälzend' und 'Demantenkrone' schaffen lebendige Bilder.
- Enjambement
- Der Zeilenumbruch in 'Die Nebeldecke zerreißt, / Und durch die stäubenden Flocken' erzeugt einen fließenden Übergang und Spannung.
- Frageform
- Die rhetorischen Fragen am Ende des Gedichts, wie 'Giebt sie mit Geistern anderer Welten Sich Flammenzeichen?', regen zum Nachdenken an und verleihen dem Text eine mystische Note.
- Hyperbel
- Die Beschreibung der 'Riesentannen, Gleich Giganten der Vorzeit' und der 'Königin' mit einem 'mächtigen Scheitel' und 'riesigen Gliedern' übertreibt die Größe und Majestät der Landschaft.
- Kontrast
- Der Kontrast zwischen 'Halbdunkel' und 'Silberglanz' sowie 'bleich und golden rot' hebt die dramatischen Veränderungen in der Landschaft hervor.
- Metapher
- Die 'Meere von Stein' und die 'Riesentannen, Gleich Giganten der Vorzeit' sind Metaphern, die die Landschaft mit mächtigen Naturkräften vergleichen.
- Personifikation
- Die Jungfrau (der Berg) wird als 'Königin' personifiziert, die auf ihrem 'Gletscherthrone' sitzt und mit den Sternen 'Zwiegespräch' hält.
- Symbolik
- Die 'Jungfrau' symbolisiert die unberührte und majestätische Natur, während die 'Demantenkrone' und der 'Gletscherthron' königliche Attribute darstellen.