Die Jungfrau unter den Propyläen

Wilhelm Friedrich Waiblinger

1823

Wie wunderbar umfängst mich Allliebend, Heiliges Licht? Aus jungem Grün hebt Dunkel-einsam, wie ein Geist, Grau verwittert Gestein, Säul′ an Säule Sich empor: Webt um alte Wölbung Weich-schwellend, umstrickend, Wie ein lächelnd Kind Um den ernsten Vater, Liebend-innig Epheugeblätter, Drängt hinan Flüsternd zu alter Trümmer Ehrwürdigen Gipfeln: Und die Sonne faßt Alllebend, umquillend, Laubgrün, säulengrau, Füllet alles, Mit Liebe, mit Liebe! Fort drängt mich′s Im schwellenden Busen! Ach wohin?

Wie du weh′st Auf luftiger Höh′, Um Wang′ und Locken, Lieblicher Wind!

Ahnest du, weinest du, Liebend Herz? Bist so lauter und mild In deines Blau′s Unendlicher Fülle, Heiterer Himmel! Alleinig liebt und webt Und treibt und keimt Alles, deine Kinder alle, Die dich schauen, lieben, Heilige Sonne, Auge des Himmels, An der alten Erde Keuschem, wärmendem Busen.

Du bist′s! Du bist′s! Bildende! Liebende! Fassest mich, ziehest mich Ganz zu dir!

Hinüber! Ueber das Hellgrün Und graue Trümmer, Ueber Berg und Meer, Ueber die blauen Inseln! Hinüber! hinüber! Ach! verschwimmen Ganz in dich, Du heiterer Himmel!

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Illustration zu Die Jungfrau unter den Propyläen

Interpretation

Das Gedicht "Die Jungfrau unter den Propyläen" von Wilhelm Friedrich Waiblinger beschreibt eine Szene, in der der Sprecher von einer heiligen, alles liebenden Licht umfangen wird. Das Gedicht beginnt mit der Beschreibung einer Umgebung, in der sich grau verwittertes Gestein zwischen jungem Grün erhebt. Die Säulen und die alte Wölbung werden von weich-schwellenden Epheugeblättern umrankt, die sich liebend-innig an sie schmiegen. Die Sonne durchflutet alles mit ihrer lebendigen, liebevollen Energie und füllt die Umgebung mit Liebe. Der Sprecher fühlt sich von dieser liebevollen Atmosphäre angezogen und sein Busen schwillt vor Emotionen. Er fragt sich, wohin ihn diese Gefühle treiben. Der Wind weht sanft um sein Gesicht und seine Locken, und der Himmel erscheint lauter und mild in seiner unendlichen Fülle. Die Sonne wird als das Auge des Himmels beschrieben, das die Erde mit seiner wärmenden Liebe umarmt. Alles, was die Sonne sieht, liebt und webt sie, und alles keimt und treibt in ihrer Gegenwart. Der Sprecher wird von der Sonne angezogen und sehnt sich danach, ganz in sie hineinzuverschwinden. Er möchte über das grüne Gras und die grauen Trümmer, über Berge und Meer, zu den blauen Inseln gelangen. Er möchte sich vollständig in den heiteren Himmel auflösen und eins mit ihm werden. Das Gedicht vermittelt eine tiefe Sehnsucht nach Einheit mit der Natur und dem Göttlichen, ausgedrückt durch die Metapher der Sonne als liebender, alles umfassender Kraft.

Schlüsselwörter

hinüber ueber webt liebend drängt trümmer sonne liebe

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Stilmittel

Anapher
Du bist′s! Du bist′s!
Bildsprache
Ganz in dich, Du heiterer Himmel!
Metapher
Dunkel-einsam, wie ein Geist
Personifikation
Alleinig liebt und webt und treibt und keimt
Vergleich
Wie ein lächelnd Kind Um den ernsten Vater