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Die Jungfrau unter den Propyläen

Von

Wie wunderbar umfängst mich
Allliebend,
Heiliges Licht?
Aus jungem Grün hebt
Dunkel-einsam, wie ein Geist,
Grau verwittert Gestein,
Säul′ an Säule
Sich empor:
Webt um alte Wölbung
Weich-schwellend, umstrickend,
Wie ein lächelnd Kind
Um den ernsten Vater,
Liebend-innig Epheugeblätter,
Drängt hinan
Flüsternd zu alter Trümmer
Ehrwürdigen Gipfeln:
Und die Sonne faßt
Alllebend, umquillend,
Laubgrün, säulengrau,
Füllet alles,
Mit Liebe, mit Liebe!
Fort drängt mich′s
Im schwellenden Busen!
Ach wohin?

Wie du weh′st
Auf luftiger Höh′,
Um Wang′ und Locken,
Lieblicher Wind!

Ahnest du, weinest du,
Liebend Herz?
Bist so lauter und mild
In deines Blau′s
Unendlicher Fülle,
Heiterer Himmel!
Alleinig liebt und webt
Und treibt und keimt
Alles, deine Kinder alle,
Die dich schauen, lieben,
Heilige Sonne,
Auge des Himmels,
An der alten Erde
Keuschem, wärmendem Busen.

Du bist′s! Du bist′s!
Bildende! Liebende!
Fassest mich, ziehest mich
Ganz zu dir!

Hinüber!
Ueber das Hellgrün
Und graue Trümmer,
Ueber Berg und Meer,
Ueber die blauen Inseln!
Hinüber! hinüber!
Ach! verschwimmen
Ganz in dich,
Du heiterer Himmel!

Gedicht als Bild, zum Downloaden und Teilen

Gedicht: Die Jungfrau unter den Propyläen von Wilhelm Friedrich Waiblinger

Kurze Interpretation des Gedichts

Das Gedicht „Die Jungfrau unter den Propyläen“ von Wilhelm Friedrich Waiblinger ist eine Ode an die Liebe und das Einswerden mit der Natur und dem Kosmos. Das Gedicht beginnt mit der Frage nach dem „heiligen Licht“, das die Sprecherin wunderbar umfängt. Diese Eröffnung etabliert ein Gefühl der Ehrfurcht und des Staunens angesichts einer überwältigenden, allumfassenden Kraft, die in der Natur verkörpert wird. Die Bilder von „Grau verwittertem Gestein“ und „alten Wölbungen“ erzeugen eine Atmosphäre von erhabener Vergangenheit, die von der Liebe der Natur umschlungen wird, dargestellt durch das „Epheugeblätter“, die wie ein Kind den Vater liebend umarmen.

Der zweite Teil des Gedichts erweitert die Erfahrung der Sprecherin, indem er den Wind und den Himmel einführt. Der Wind, der „auf luftiger Höh'“ weht, wird als lieblich und sanft beschrieben und verstärkt das Gefühl der Einheit mit der Natur. Der Himmel, der als „lauter und mild“ dargestellt wird, wird als Quelle von Leben und Liebe betrachtet, die alle Dinge hervorbringt und umarmt. Diese Verse spiegeln eine pantheistische Sichtweise wider, in der die Natur und der Kosmos eine göttliche Präsenz offenbaren, die die Sprecherin unmittelbar berührt. Die Metapher des Himmels als „Auge“ betont die allsehende und alles liebende Natur dieser Präsenz.

Im letzten Abschnitt kulminiert die Erfahrung in einem ekstatisches Bekenntnis und der Sehnsucht nach dem Einswerden mit dem Kosmos. Die Sprecherin erkennt, dass die im Gedicht angesprochene Kraft, ob „Licht“, „Wind“ oder „Himmel“, diese einzige alles beherrschende „Bildende! Liebende!“ Kraft ist, die sie ergreift und zu sich zieht. Die wiederholten Rufe nach „Hinüber!“ drücken den Wunsch nach Auflösung in diesem Zustand aus. Der abschließende Vers, „Ach! verschwimmen / Ganz in dich, / Du heiterer Himmel!“, ist ein Höhepunkt der Sehnsucht und des Eintauchens, der die Sprecherin in einer Einheit mit dem Universum verschwinden lässt.

Waiblinger verwendet in diesem Gedicht eine reiche Bildsprache und eine gefühlvolle Sprache, um die Intensität der emotionalen und spirituellen Erfahrung der Sprecherin auszudrücken. Die Natur wird als lebendig und liebenswert dargestellt, während die Sprecherin sich in dieser Liebe verliert und in das All übergehen will. Die Wiederholung von Schlüsselwörtern wie „Liebe“ und „Hinüber“ verstärkt die Intensität der Gefühle und die Sehnsucht nach dem Einswerden. Das Gedicht zeugt von der romantischen Idee der Naturverehrung und dem Wunsch nach Transzendenz.

Weitere Informationen

Hier finden sich noch weitere Informationen zu diesem Gedicht und der Seite.

Lizenz und Verwendung

Dieses Gedicht fällt unter die „public domain“ oder Gemeinfreiheit. Gemeinfreiheit bedeutet, dass ein Werk nicht (mehr) durch Urheberrechte geschützt ist und daher von allen ohne Erlaubnis des Urhebers frei genutzt, vervielfältigt und verbreitet werden darf. Sie tritt meist nach Ablauf der gesetzlichen Schutzfrist ein, z. B. 70 Jahre nach dem Tod des Autors. Weitere Informationen dazu finden sich hier.