Die junge Mutter
1844Im grün verhangnen duftigen Gemach, auf weißen Kissen liegt die junge Mutter; wie brennt die Stirn! sie hebt das Auge schwach zum Bauer, wo die Nachtigall das Futter den nackten Jungen reicht: »Mein armes Tier,« so flüstert sie, »und bist du auch gefangen gleich mir, wenn draußen Lenz und Sonne prangen, so hast du deine Kleinen doch bei dir.«
Den Vorhang hebt die graue Wärterin und legt den Finger mahnend auf die Lippen; die Kranke dreht das schwere Auge hin, gefällig will sie von dem Tranke nippen; er mundet schon, und ihre bleiche Hand faßt fester den Kristall, - o milde Labe! - »Elisabeth, was macht mein kleiner Knabe?« »Er schläft,« versetzt die Alte abgewandt.
Wie mag er zierlich liegen! - Kleines Ding! - und selig lächelnd sinkt sie in die Kissen; ob man den Schleier um die Wiege hing, den Schleier, der am Erntefest zerrissen? Man sieht es kaum, sie flickte ihn so nett, daß alle Frauen höchlich es gepriesen. Und eine Ranke ließ sie drüber sprießen. »Was läutet man im Dom, Elisabeth?«
»Madame, wir haben heut′ Mariatag.« So hoch im Mond? sie kann sich nicht besinnen. - Wie war es nur? - Doch ihr Gehirn ist schwach, und leise suchend zieht sie aus den Linnen ein Häubchen, in dem Strahle kümmerlich läßt sie den Faden in die Nadel gleiten; so ganz verborgen will sie es bereiten, und leise, leise zieht sie Stich um Stich.
Da öffnet knarrend sich die Kammertür, vorsicht′ge Schritte übern Teppich schleichen. »Ich schlafe nicht, Rainer, komm her, komm hier! Wann wird man endlich mir den Knaben reichen?« Der Gatte blickt verstohlen himmelwärts, küßt wie ein Hauch die kleinen weißen Hände: »Geduld, Geduld, mein Liebchen, bis zum Ende! Du bist noch gar zu leidend, gutes Herz.«
»Du duftest Weihrauch, Mann.« - »Ich war im Dom; schlaf, Kind!« und wieder gleitet er von dannen. Sie aber näht, und liebliches Phantom spielt um ihr Aug′ von Auen, Blumen, Tannen. - Ach, wenn du wieder siehst die grüne Au, siehst über einem kleinen Hügel schwanken den Tannenzweig und Blumen drüber ranken, dann tröste Gott dich, arme junge Frau!
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Interpretation
Das Gedicht "Die junge Mutter" von Annette von Droste-Hülshoff beschreibt die Situation einer jungen Mutter, die schwer krank im Bett liegt und sehnsüchtig auf ihr Kind wartet. Die Stimmung ist düster und voller Sehnsucht, während die Mutter sich nach ihrem Kind und der Natur sehnt, die sie nicht mehr genießen kann. Die Krankheit scheint sie gefangen zu halten, während sie sich nach der Freiheit und dem Glück der Natur sehnt. Die Mutter wird von ihrer Umgebung umgeben, die versucht, sie zu beruhigen und zu pflegen. Die graue Wärterin und ihr Mann Rainer sind präsent, aber ihre Bemühungen können die Sehnsucht der Mutter nicht stillen. Die Wärterin gibt ihr Medizin und versucht, sie zum Schlafen zu bringen, während Rainer sie ermutigt, geduldig zu sein und sich auszuruhen. Doch die Mutter kann nicht aufhören, an ihr Kind zu denken und an die Natur, die sie so sehr vermisst. Das Gedicht endet mit einer hoffnungsvollen Note, als die Mutter sich vorstellt, wie sie eines Tages wieder die grüne Au sehen wird, über einem kleinen Hügel einen Tannenzweig schwingen und Blumen darüber ranken sehen wird. Der letzte Vers drückt den Wunsch aus, dass Gott die arme junge Frau trösten möge, wenn sie diese Szene wiedersehen wird. Dies lässt vermuten, dass die Mutter ihre Krankheit möglicherweise nicht überleben wird, aber die Erinnerung an die Natur und die Hoffnung auf ein Wiedersehen mit ihrem Kind ihr Trost spenden.
Schlüsselwörter
Wortwolke

Stilmittel
- Metapher
- Tannenzweig und Blumen drüber ranken
- Personifikation
- wo die Nachtigall das Futter den nackten Jungen reicht
- Vergleich
- Küßt wie ein Hauch die kleinen weißen Hände