Die junge Magd

Georg Trakl

1887

Oft am Brunnen, wenn es dämmert, Sieht man sie verzaubert stehen Wasser schöpfen, wenn es dämmert. Eimer auf und nieder gehen.

In den Buchen Dohlen flattern Und sie gleichet einem Schatten. Ihre gelben Haare flattern Und im Hofe schrein die Ratten.

Und umschmeichelt von Verfalle Senkt sie die entzundenen Lider. Dürres Gras neigt im Verfalle Sich zu ihren Füßen nieder.

Stille schafft sie in der Kammer Und der Hof liegt längst verödet. Im Hollunder vor der Kammer Kläglich eine Amsel flötet.

Silbern schaut ihr Bild im Spiegel Fremd sie an im Zwielichtscheine Und verdämmert fahl im Spiegel Und ihr graut vor seiner Reine.

Traumhaft singt ein Knecht im Dunkel Und sie starrt von Schmerz geschüttelt. Röte träufelt durch das Dunkel Jäh am Tor der Südwind rüttelt.

Nächtens übern kahlen Anger Gaukelt sie in Fieberträumen. Mürrisch greint der Wind im Anger Und der Mond lauscht aus den Bäumen.

Balde rings die Sterne bleichen Und ermattet von Beschwerde Wächsern ihre Wangen bleichen. Fäulnis wittert aus der Erde.

Traurig rauscht das Rohr im Tümpel Und sie friert in sich gekauert. Fern ein Hahn kräht. Übern Tümpel Hart und grau der Morgen schauert.

In der Schmiede dröhnt der Hammer Und sie huscht am Tor vorüber. Glührot schwingt der Knecht den Hammer Und sie schaut wie tot hinüber.

Wie im Traum trifft sie ein Lachen; Und sie taumelt in die Schmiede, Scheu geduckt vor seinem Lachen, Wie der Hammer hart und rüde.

Hell versprühn im Raum die Funken Und mit hilfloser Geberde Hascht sie nach den wilden Funken Und sie stürzt betäubt zur Erde.

Schmächtig hingestreckt im Bette Wacht sie auf voll süßem Bangen Und sie sieht ihr schmutzig Bette Ganz von goldnem Licht verhangen,

Die Reseden dort am Fenster Und den bläulich hellen Himmel. Manchmal trägt der Wind ans Fenster Einer Glocke zag Gebimmel.

Schatten gleiten übers Kissen, Langsam schlägt die Mittagsstunde Und sie atmet schwer im Kissen Und ihr Mund gleicht einer Wunde.

Abends schweben blutige Linnen, Wolken über stummen Wäldern, Die gehüllt in schwarze Linnen. Spatzen lärmen auf den Feldern.

Und sie liegt ganz weiß im Dunkel. Unterm Dach verhaucht ein Girren. Wie ein Aas in Busch und Dunkel Fliegen ihren Mund umschwirren.

Traumhaft klingt im braunen Weiler Nach ein Klang von Tanz und Geigen, Schwebt ihr Antlitz durch den Weiler, Weht ihr Haar in kahlen Zweigen.

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Illustration zu Die junge Magd

Interpretation

Das Gedicht "Die junge Magd" von Georg Trakl beschreibt das Leben und die tragische Existenz einer jungen Magd. Es zeichnet ein düsteres und melancholisches Bild von ihrer Einsamkeit, ihrer Sehnsucht und ihrem schließlichen Tod. Die Magd wird als eine verzauberte, schattenhafte Gestalt dargestellt, die oft am Brunnen steht und Wasser schöpft. Sie ist von Verfall umgeben, sowohl in der Natur als auch in ihrer Umgebung. Die Beschreibung ihrer gelben Haare, die flattern, und der Ratten, die im Hof schreien, verstärken die düstere Atmosphäre. Im Verlauf des Gedichts wird die Magd von verschiedenen Figuren und Situationen konfrontiert, die ihre Verzweiflung und ihren Schmerz verstärken. Ein Knecht singt im Dunkeln, ein Lachen trifft sie wie im Traum, und sie stürzt betäubt zur Erde, nachdem sie nach wilden Funken gehascht hat. Diese Ereignisse symbolisieren ihre Suche nach Glück und Erfüllung, die jedoch unerreichbar bleibt. Das Gedicht endet mit dem Tod der Magd. Sie liegt weiß im Dunkeln, und Fliegen schwirren um ihren Mund wie um ein Aas. Die Beschreibung ihrer letzten Momente ist von einer surrealen Schönheit durchdrungen, als sie von goldenem Licht umgeben ist und den Klang von Tanz und Geigen hört. Doch diese Schönheit ist trügerisch und unterstreicht nur die Tragik ihres Schicksals.

Schlüsselwörter

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Wortwolke

Wortwolke zu Die junge Magd

Stilmittel

Alliteration
Röte träufelt durch das Dunkel
Bildfolge
Abends schweben blutige Linnen, Wolken über stummen Wäldern
Bildsprache
Silbern schaut ihr Bild im Spiegel
Hyperbel
Fäulnis wittert aus der Erde
Kontrast
Ganz von goldnem Licht verhangen
Metapher
Sie gleichet einem Schatten
Onomatopoesie
Schmiede dröhnt der Hammer
Personifikation
Dürres Gras neigt im Verfalle
Symbolik
Sterne bleichen
Vergleich
Wie ein Aas in Busch und Dunkel